Birgit Idelberger über b.29

Zeichen der Hoffnung und Zuversicht

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Vorab, es war ein gelungener Premierenabend und würdiger Auftakt in die neue Saison der Oper am Rhein, der auch vom Duisburger Publikum gefeiert wurde.
Wie gewohnt erwartete uns erneut eine Balletttrilogie, die abermals die Möglichkeiten der verschiedenen Stile und Formen tänzerischen Ausdrucks präsentierte.
In der Nachschau wundersam gelungen war die Abfolge der Werke!
Gelang doch mit der etwas blutleeren und melancholischen „Mozartiana“ von George Balanchine ein fast vorsichtiger Einstieg in Musik und Bewegung. Wie immer tänzerisch leicht wirkten die Auftritte nur weniger Protagonisten, deren Wechsel spielerisch umgesetzt wurden. Klassisches Ballett erstaunlich jung aus dem Jahr 1981 als letzte Hommage Balanchines an seine Muse Suzanne Farrell. Wehmut und Grazie schweben über der Handlung und finden ebenfalls Ausdruck im Bühnenbild und in den schwarz-weißen Kostümen.
Eine Pause hiernach erhöhte die Spannung auf das, was folgen sollte, nämlich die Uraufführung Martin Schläpfers „Konzert für Orchester“. Die Erwartung vor allem für Kenner dieser Ballettkunst war hoch. Und es erfüllte sich der Wunsch nach Kraft, Dynamik und Akrobatik dieser ausdrucksstarken Tanzform. Wer es sich bis dahin im Plüschsitz gemütlich eingerichtet hatte, wurde nun durch bewegende Bilder zu Klängen von Witold Lutoslawskis „Konzert für Orchester“ irritiert. Gewalt und Unterdrückung, Tod, Hoffnungslosigkeit, aber auch Momente der Erlösung, des Lichtes und der Liebe in einer Welt, die auf der Suche nach Sinnhaftigkeit und Stabilität ist. Wie so oft dargestellt von großen Gruppen von Tänzern, die immer wieder zusammen finden, miteinander ringen und auseinander gehen und verschwinden, um plötzlich wieder da zu sein. Aus meiner Sicht gerade heute ein hochpolitisches Werk in Zeiten der gesellschaftlichen Veränderungen, aber eben auch ein zutiefst fast philosophisches zeitloses Thema. Der Mensch ist Zeit seines Lebens auf der Suche nach sich selbst, nach Liebe, Geborgenheit, Schutz und Stabilität und gerät dabei nicht selten in eine Schieflage.
Wenn auch klassisches Ballett ein hohes tänzerisches Können erfordert, um Dinge leicht erscheinen zu lassen, so spürt man doch die Ästhetik und Akrobatik des modernen Tanzes intensiver. Vielleicht sollte man die Aufführungen von Schläpfer mehrfach erleben, um zu verstehen.
Die zweite Pause war dann zwingend notwendig, einerseits, um den gewaltigen Nachhall verklingen zu lassen und Raum zu geben. Andererseits gab es einen künstlerischen Quantensprung. Was folgte, war nicht zu erwarten gewesen und niemand konnte sich erinnern, jemals solch urkomisches Ballett in dieser Form erlebt zu haben. Schon der Auftritt des etwas steifen, befrackten Pianisten auf seinem einsamen Weg zum Klavier am Seitenrand der Bühne war köstlich und zündete sofort beim Publikum. „The Concert“ von Jerome Robbins als äußerst gelungene Parodie auf das eigene Tun und Handeln war gewissermaßen auch eine Erlösung aus der Schwere Schläpfers b.29. Persönlich fand ich mich sofort an Monsieur Hulot von Jacques Tati erinnert, es gibt aber auch ebenso Verbindungen zu Charlie Chaplin oder Buster Keaton. Wir erlebten zum ersten Mal die Perfektion des subtilen Humors auf der Bühne in Form eines Balletts. So wurde dieser besondere Abend für alle mit einem Lächeln im Gesicht beendet, der auch im Sinne Schläpfers ein Zeichen der Hoffnung und Zuversicht bedeutet. Noch ist die Welt nicht verloren.

Weitere Informationen zu b.29

opernscout_birgitidelberger-1Birgit Idelberger
Frauenärztin
Birgit Idelberger ist in Duisburg aufgewachsen und seit 10 Jahren als Frauenärztin in Duisburg-Walsum niedergelassen. Sie geht gern ins Kino und besucht Kunstausstellungen, doch Bezug zum Theater hatte sie kaum – zur Oper schon gar nicht. Das ist jetzt anders: Offen und neugierig ließ sie sich auf ihre erste Saison als Opernscout ein. Auch ohne Theatererfahrung empfindet sie die Opern- und Ballettabende als persönliche Bereicherung und positive Erfahrung. Sie hofft, dass viele Menschen durch die Kommentare der Scouts neugierig werden und den Weg ins Theater finden.

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