Christoph Grätz über b.29

Getanzter Dreiklang

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg b.29 "The Concert" ch.: Jerome Robbins

Wenn Martin Schläpfer eine Geschichte erzählt – oder besser choreographiert – geht es meist um den Menschen als soziales Wesen. Um den Einzelnen und seine Individualität und um Zusammenleben, mal füreinander, mal konflikthaft gegeneinander. So auch in seiner neusten Arbeit „Konzert für Orchester“, die dem Choreographen Hans van Manen gewidmet ist. Der Ballettchef schöpft hier aus dem Vollen, denn die Musik von Witold Lutoslawski ist expressiv, drückt aber auch zartere Momente aus. Ich habe das Gefühl, die Kompagnie versteht ihren Chef und kann mit der ihm eigenen unverkennbaren Bewegungssprache genau das ausdrücken, was er will. Mal schwarmhaft synchron, wie Krebse in der Tiefsee schwärmen die Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne. Animalisch allemal die Bewegungen, mal mit nervösen Zuckungen, mal fließend harmonisch. Tiefseeimpressionen und tieferer Sinn. Dazu passen das düster anmutende Bühnenbild und die an Chitin erinnernden Kostüme. Die dreisätzige Regiearbeit gipfelt schließlich darin, dass fast alle Tänzerinnen und Tänzer sich zu einem Organismus vereinen, der an eine Seeanemone erinnert. Nur einzelne kriechen als chancenlose Angreifer um diese geschlossene Einheit herum, ohne das harmonische Gefüge ernsthaft stören zu können. Das System ist geschlossen und bietet Sicherheit – trügerisch oder nicht?
So ganz im Gegensatz dazu empfand ich die Eröffnungschoreographie „Mozartiana“ von George Balanchine. Zu viel Schönheit, zu viel Spitzentanz und für meinen Geschmack zu wenig Brechung, Störung und Unerwartetes. Dies allerdings in perfekter Symmetrie getanzt und einfühlsam gespielt vom Orchester unter der Leitung von Wen-Pin Chien. Klassisches Ballett auf höchstem Niveau, so stelle ich mir Bolschoi-Theater vor. Schön fand ich aber vor allem den zweiten Akt, das Solo von Alexandre Simoes, der perfekt im Timing zu den Generalpausen der Musik stand. Diese eitlen kleinen Zäsuren hatten durchaus Komisches.
Ja, es durfte auch gelacht werden und das Publikum machte bei der letzten Choreographie des Abends „The Concert“ von Jerome Robbins, regen Gebrauch davon. Es fing schon witzig an, als der Pianist die Bühne betrat, mit großer Geste am Klavierschemel Platz nahm und erst mal die Klaviatur entstaubte. In witzigen Bildern erzählte Robbins Begebenheiten um einen Klavierabend, mit Starsolisten. Besonders treffend überzeichnete er dabei die unterschiedlichsten Besucher eines Konzertes, von der schmachtenden Verehrerin bis zum raschelnden Störer und aggressiven Ignoranten. Die Kompagnie glänzte mit gekonnter Komik und schauspielerischen Qualitäten, unterstrichen von liebevoll ausgewählter Requisite. Witzig, weil so treffend Typen dargestellt wurden, die jeder von uns zu kennen glaubt. Der Pianist Matan Porat hat seine Rolle als Starpianist nicht nur schauspielerisch sondern auch musikalisch glänzend gemeistert, Polonaises, Preludes und Mazurken von Frederic Chopin.
Am emotional ergreifendsten und tiefsinnigsten war an diesem Abend die Choreographie von Martin Schläpfer, berührt sie doch in meiner Wahrnehmung ganz große Fragen. Sind wir in Europa eine offene oder eine geschlossene Gesellschaft? Wie viel Offenheit funktioniert angesichts von Bedrohungen? Wer ist Freund, wer Gegner? Vor allem ist es die gelungene Mischung, die b.29 sehenswert macht. Schönheit, emotionaler Tiefgang mit Futter für den Kopf und Komik auf höchstem Niveau.

Weitere Informationen zu b.29

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Christoph Grätz
Referent der Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik (und umso weniger Sport). Bei der Arbeit als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Oper und Ballett entdeckt er jetzt nach und nach als Opernscout. Wie schön, dass er etwas davon mitteilen kann.

 

 

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