Isabell Boyer über „Otello“

Die Faszination des Bösen

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Als ich am vergangenen Samstag Michael Thalheimers Neuinszenierung von „Otello“ besucht habe, drangen sich direkt von der ersten Minute an zahlreiche Fragen in meinen Kopf: Warum wurde hier der schwarze Hintergrund gewählt? Wozu diente zu Beginn der Einsatz der schwarzen Farbe? Und vor allem: Warum trug nur Otello die ganze Zeit die schwarze Farbe im Gesicht, die die anderen über die verschiedenen Szenen hinweg immer wieder ablegen durften? Neu in diesem Stück angekommen standen mir alle Wege der Interpretation offen. Mithilfe der wundervollen Musik und den herausragenden Darstellern konnte ich mich Stück für Stück immer besser in die Geschichte einfinden und begreifen, wie genial Shakespeares Werk und Verdis musikalische Umsetzung dessen wirklich ist. Zwar empfand ich die Farbe in Otellos Gesicht noch immer als störend (auch wenn diese die Finsternis in seinem Wesen darstellen sollte), da ich so die mit Sicherheit sehr deutliche Mimik des Darstellers kaum in vollem Maße erfassen konnte – trotz Brille – doch empfand ich die Beleuchtung und den Aufbau des Bühnenbilds als immer ergreifender und plausibler. Für mich entwickelte der Einsatz dessen völlig neue Ebenen, die ich so in der Oper noch nicht gesehen habe. Die Darsteller, die für mich an diesem Abend nicht nur die Räumlichkeiten für sich genutzt haben, sondern auch mit Stimme und Ausdruck brillierten, waren Serena Farnocchia und Alexander Krasnov, die für ihre leider erkrankten Kollegen einsprangen und in diesem Zuge Desdemona und Jago verkörperten. Besonders Krasnov zog mich von Anfang als Jago in seinen Bann und hatte mich sofort auf seiner Seite. Es war schon bald klar, wer hier die Fäden in der Hand hielt und nicht nur Otello, sondern auch Cassio, Roderigo, seine eigene Frau und Desdemona manipulierte. Es wird hier einerseits berechnend, andererseits tragisch und erschütternd, dargestellt, wie gefährlich Eifersucht, aber auch eine falsche Wortwahl, sein können, wenn man nicht weiß, wie man den entstandenen Schaden wieder reparieren kann. Alles in allem ein äußerst beeindruckendes, sehenswertes Stück, das ich wirklich jedem ans Herz legen kann.

Weitere Informationen zu „Otello“

Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

 

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