Martin Breil b.29

Von hoher Schule bis Slapstick

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg b.29 "Konzert für Orchester" ch.: Martin Schläpfer

Mit „Mozartiana“ bereitet uns Martin Schläpfer einen ausgesprochen melancholischen Start in die neue Ballettsaison 2016/17.
Diese Choreographie mag als eine Verbeugung vor dem Altmeister des neoklassischen Balletts George Balanchine zu verstehen sein, der in hohem Alter seinerseits mit „Mozartiana“ seinem Idol Peter Tschaikowski und seiner Muse Suzanne Farrell huldigte. Schwarzer Trauerflor über weißem Tüll und fünf schwere, schwarze, geraffte Vorhänge als Bühnenbild drücken die heitere Premierenstimmung. Die Abfolge kurzer Ballettszenen mit Spitzentanz auf höchstem Niveau begeistert das geschulte Publikum. Feline van Dijken tanzt zu Tschaikowskis Mozartvariationen zum Niederknien schön und wird von ihren männlichen Partnern großartig unterstützt. Dennoch liegt über all dem die Stimmung des Vergangenen, einer Balletttradition, deren Schönheit uns heute nicht mehr gebührend begeistern mag oder die uns schwer fällt zu begreifen. Ganz anders bei Martin Schläpfers „Konzert für Orchester“. Zu den subtilen Klängen von Witold Lutoslawski entwickelt sich auf der Bühne eine Gruppendynamik, die mich an eine brodelnde Ursuppe erinnert, aus der primitive Schalentiere zum ersten Mal das Land erreichen, Intelligenz entwickeln und dennoch immer den gleichen simplen Formeln wie am Beginn ihrer Entwicklung gehorchen. Fünf schwarze, seitlich und schräg ins Bühnenbild ragende Monolithen (sah ich einen davon nicht schon einmal bei S. Kubrick), schuppig, glänzende Kostüme in gedeckten, metallischen Farben und ein verschwommenes Tuschebild als Hintergrund, das ich als einen Mammutkopf interpretiere, fesseln meine ganze Aufmerksamkeit. Hervorragend die Leistung der Duisburger Philharmoniker unter Wen-Pin Chien. Am Ende ist mir nicht mehr klar, wer wem was auf den Leib komponiert, choreographiert oder geschneidert hat.In der letzten Sequenz nimmt Jerome Robbins mit „The Concert“ das Ballettpublikum kräftig auf die Schippe. Unglaublich witzig und treffsicher charakterisiert er die verschiedenen Typen von Ballettbesuchern und den gesamten Ballettbetrieb gleich mit. Das Zuschauen macht richtig Spaß und hilft, sich selber nicht so ernst zu nehmen. Wirklich toll, wie überzeugend die Tänzerinnen und Tänzer auch den Slapstick beherrschen. Die Lacher am Ende eines großartigen Ballettabends sollten nicht vergessen lassen, wie der Abend begann. So hat mich Martin Schläpfer dann doch in den folgenden Tagen nachdenklich gemacht. Feuer bewahren – nicht Asche anbeten…?

Weitere Informationen zu b.29

opernscout_martinbreil-1Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s