Christoph Grätz über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Ohne Risiken und Nebenwirkungen

oder: Drei Stunden können ganz schön lang sein

lustigeweiber_05_foto_hansjoergmichelDas Vorspiel zu Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ war vielleicht das Tiefgründigste, was dieser Abend zu bieten hatte und überraschend für eine komische Oper das eröffnende Bühnenbild: Eine Hinrichtungsszene im dunklen Wald von Windsor vor düsterer Kirchenruine. Der hier vor hunderten Jahren Gerichtete war der Jägersmann Herne, dessen Geist seitdem durch die grafschaftlichen Wälder spukte und Schrecken verbreitete – ein gespenstisches Szenario das sich zwei zutiefst gekränkte Damen zur Verwirklichung Ihres Rachefeldzuges noch zunutze machen würden. So der vielversprechende Anfang der Oper, die dann jedoch rasch ins Belanglose abglitt, wenn auch professionell vorgetragen und mit durchaus witzigen Momenten versehen. Besonders schön war hier, wie perfide die zwei Nachbarinnen, Frau Reich und Frau Fluth ihren Plan ausheckten, dem lästigen Ritter Falstaff eins auszuwischen. Dieser eitle, tumbe, geile und versoffene Lurch hat es aber auch nicht besser verdient, stellt er doch gleich beiden Frauen mit wortgleichem Schmachtbrief nach um ein Rendezvous zu ergaunern. Kein Wunder, dass diese beiden lustigen – oder besser listigen – Weiber ihm eine Lektion in weiblicher Durchtriebenheit erteilen. Rache, ein Gericht das kalt genossen werden sollte – hier aber dann doch eher lauwarm geriet. Falstaff, der so gestrafte Ritter und unwiderstehliche Frauenheld – jedenfalls in der eigenen Wahrnehmung – war hier wirklich großartig gespielt und gesungen vom Bass Torsten Grümbel, der sich für die Rolle des übergewichtigen Trunkenboldes ein Fatsuit anlegen musste. Hier gefielen mir vor allem die Gelageszenen der Zecher, Huren und Ganoven und das Geigensolo von Siegfried Rivinius, der auf der Bühne sich selbst spielte. Die Stimmen der lustigen Weiber Frau Fluth und Frau Reich waren hier mit Heidi Elisabeth Meier und Katarzyna Kuncio hervorragend besetzt, zumal gerade diese beiden Frauenstimmen in den Duettpassagen glänzend harmonierten. Auch die Ehemänner der beiden bürgerlichen Frauen waren gut besetzt mit Stefan Heidemann als Frank Fluth und Sami Luttinen als Georg Reich. Aber was nutzt die beste Besetzung, wenn die Geschichte nicht genug hergibt. Ich habe emotionale Momente der Zerrissenheit, Trauer, Wut, Leidenschaft ebenso vermisst wie Gesellschaftskritisches. Das Stück hätte durchaus das Potential: bürgerliche Fassade, mehr Schein als Sein, gesellschaftliche Erwartungen, Rollenkonflikte zwischen Männern und Frauen. War hier die Vorlage zu schwach oder doch die Inszenierung? Ich mag das nicht abschließend beurteilen, mir jedenfalls mangelte es an emotionaler Fallhöhe. Die Aufführung hat mich nicht gefesselt, auch musikalisch nicht, von einigen Momenten abgesehen. Die Musik war mir zu sehr Promenaden-Platzkonzert, die Komik der Figuren zum Teil bis zur Klamotte überzeichnet. Die Liebesgeschichte von Fenton und Anna, hervorragend gesungen von Jussi Myllys und Anna Princeva, war zu vorhersehbar. Auch hier hätte der Konflikt in der Familie Reich mehr Tiefgang verdient. Beklemmend habe ich allerdings die Szene empfunden, als alle Bewohner der Grafschaft wie auf eine Jagd loszogen, um den geschmähten Ritter im Wald aufzuspüren. Ich war doch froh, dass diese Szene versöhnlich endete, als die bürgerliche Gesellschaft dem „Sünder“ Falstaff dann doch die Hände reichte. Eine Geste, die zeigte: „Du hast zwar Mist gebaut, gehörst aber trotzdem zu uns.“ Wäre doch derart Versöhnliches im richtigen Leben auch häufiger der Fall. Ich war, trotz zweier Pausen, nach den gut drei Stunden Vorstellung mit zu wenig Tiefgang und zu viel Seichtigkeit wirklich erschöpft. Auch wenn die Sprechoper auf hohem stimmlichen und schauspielerischen Niveau vorgetragen war, bot diese Inszenierung mir dann doch zu wenig für Kopf und Gefühl. Ein Abend, zwar ohne Risiken aber leider auch ohne erwünschte Nebenwirkungen.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

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