Martin Breil über „Die lustigen Weiber von Windsor“

Parallelen zur Gegenwart

lustigeweiber_02_foto_hansjoergmichelDer Termin für die Premiere hätte nicht günstiger sein können, just an dem Tag, an dem die fünfte Jahreszeit am Rhein und der Straßenkarneval an Rhein und Ruhr beginnt. Denn was den Betrachter erwartet, ist eine Oper, die einerseits recht derb und unterhaltsam daher kommt, andererseits auch den moralischen Zeigefinger erhebt.
Otto Nicolai war mir bis zu diesem Abend überhaupt kein Begriff. Doch bereits die Ouvertüre gefällt mir gut. Wunderbar perlend und sprudelnd spielen die Duisburger Philharmoniker unter Axel Kober zu Nicolais Komposition in rheinischer Leichtigkeit auf.
Was dann allerdings im ersten Akt folgt, ist der Beginn einer volksbühnenhaften Intrigen- und Verwechselungskomödie, die überhaupt nicht anspricht. Einzig die shakespearesche Derbheit und die Spiellaune des Ensembles fesseln zunehmend den Betrachter. Thorsten Grümbel als Sir John Falstaff verkörpert hinreißend den verarmten, trinkfreudigen Ritter außerhalb gesellschaftlicher Norm. Daneben überzeugen mich die Frauenstimmen, allen voran Anna Princeva.
Die Klugheit der lustigen Weiber und die Spießigkeit der Gesellschaft, verkörpert durch ihre Ehemänner, lassen nach und nach Parallelen zur Gegenwart aufkommen. Leider ist das Bühnenbild sehr stark der Entstehungszeit der Oper angepasst, sodass derartige Assoziationen nicht gleich aufkommen. Wenn sich aber im dritten Satz die sogenannte gute Gesellschaft mit ihren scheinheiligen Normen eigenmächtig zu Hütern von Anstand und Moral gegenüber Sir John Falstaff aufmandelt, dann merke ich, wie Shakespeare uns heute noch den Spiegel vorhält. Dies erkennt auch Sir John, als er, gepiesackt von den sogenannten Gutbürgern, sich mit einem „Same procedure as last year“ mit einer Flasche Wein in einen Sarg zurückzieht.
Der immerwährende Geschlechter- und Klassenkampf macht den Abend trotz seiner Länge unterhaltsam und regt, gerade zur heutigen Zeit, da vielenorts die demokratischen Grundwerte plötzlich in den Mülleimer wandern, zum Nachdenken an. Ich fürchte, junge Menschen werden dieser Inszenierung fern bleiben, da sie zu altbacken und konservativ ist, was das Stück aber im Kern nicht ist. Für die übrigen Generationen, die „als Büblein (Mädlein) klein an der Mutter Brust“ (Trinklied des Falstaff, 2.Akt) saugten, wird sie um den Jahreswechsel und rund um die Karnevalszeit ein wunderschönes Freizeitangebot sein.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.

Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

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