Astrid Klooth über „Die lustigen Weiber von Windsor“

 Die Liebe in Zeiten des Biedermeier

lustigeweiber_12_foto_hansjoergmichelOtto Nicolais komisch-fantastische Oper in drei Akten, komponiert 1845/ 46, nimmt das Thema des gleichnamigen Lustspiels von Shakespeare auf, noch vor Verdis Oper „Falstaff“, die ebenfalls auf dem Shakespeareschen Drama beruht. Zwar ist Nicolai weniger bekannt als der italienische Nachfolger,  dennoch macht gerade die Umsetzung des Shakespeare-Stoffes in das Zeitalter des Biedermeier seinen ganz eigenen Reiz aus.
Die Handlung ist schnell erzählt:  Der verarmte, verfressene und dem Alkohol zugeneigte Falstaff schreibt den Damen Reich und Fluth jeweils einen identischen Liebesbrief. Als diese  davon Wind bekommen, beschließen sie, gekränkt in ihrer Eitelkeit und Ehre,  sich an Falstaff zu rächen.  Nach allerhand turbulenten Irrungen und Wirrungen wird im Verlauf Handlung nicht nur Falstaff von der Dorfgemeinschaft abgestraft, auch das holde Töchterlein der Familie Reich hält sich letztendlich ihre beiden unmöglichen Verehrer vom Hals und landet in den Armen ihres  geliebten, aber mittellosen Fenton.
Das eigentlich Interessante an dieser Oper ist, und das wird auch in der Inszenierung von Hilsdorf geschickt herausgearbeitet, ihre musikalische und inhaltliche  Doppelbödigkeit: So finden sich typische opera buffa Elemente, z. B. in der Darstellung der Verehrer Spärlich und Cajus sowie in den überzogenen Koloraturen, wenn Frau Fluth vorgibt, dem Werben von Falstaff anheimgefallen zu sein.
Andererseits ist Nicolai ein Kind des Vormärz und der Romantik: Inbrunst und mystische Naturverbundenheit der deutschen Romantik finden sich  entsprechend als ständige Reminiszenzen à la Caspar David Friedrich (Bäume, Mond, gotische Ruinen) im  Bühnenbild.
Das romantische Ideal der Liebesheirat, welches im 19. Jahrhundert im Bürgertum zunehmend favorisiert wird, wird verkörpert in den Figuren von Anna und Fenton. Allerdings wird schnell deutlich, dass im politisch entmachteten und um seine Existenz fürchtenden Bürgertum merkantile Interessen überwiegen, veranschaulicht durch die Ablehnung des ehrlich liebenden, aber mittellosen Fenton.
In der Inszenierung wird die repressive Atmosphäre des Vormärz, sowohl in sexueller als auch in politischer Hinsicht, geschickt und nicht allzu  aufdringlich aufgezeigt: So finden sich die gotischen Mensch-Natur Elemente verfremdet in holzvertäfeltem Biedermeier Interieur wieder. In einer Szene reißt die  junge Anna, die  unter dem Verheiratungsdruck ihrer Elternleidet, das Fenster, natürlich  auch in gotischer Ornamentik gehalten, weit auf, um nicht am biedermeierlichen Mief ersticken zu müssen.
Noch deutlicher wird die Inszenierung, als der Beichtstuhl im zweiten Akt zum Huren- und Freiertreffpunkt verkommt – ein wenig dezenter Hinweis auf die Scheinheiligkeit und Verderbtheit  des arrivierten Bürgertums.
Einzig Falstaff lässt sich nicht verbiegen, versteckt seine Lust und Gelüste nicht in höfischer Nachahmungsmanier und zieht sich so Spott und Hass des bigotten, moralisch und finanziell zutiefst verunsicherten Bürgertums zu: Er wird am Ende fast zum Opfer eines Lynch-Mobs, doch auch diese Szene wird doppelbödig aufgelöst zu einem heiteren, fast schon komischen Opernende.
Die Sänger waren allesamt mit großer Lust am Spiel dabei, musikalisch überzeugten mich besonders Thorsten Grümbel als Sir John Falstaff, Heidi Elisabeth Meier als Frau Fluth und Anna Princeva als Anna sowie Jussi Myllys als Fenton.

Weitere Informationen zu „Die lustigen Weiber von Windsor“

Astrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Durch ihre Mitgliedschaften im Philharmonischen Chor und im Theaterring Duisburg ist Astrid Klooth Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Als Uni-Dozentin hat sie fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater noch mehr Menschen zugänglich machen zu können.

 

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