Gisela Miller Kipp über „Der Graf von Luxemburg“

Einschlägige Klischees und existenzieller Ernst

der_graf_von_luxemburg_02_foto_hans_joerg_michelEine durchaus doppelbödige Operette über die Abgründe zwischen Liebe und Geld, über die Korrumpierbarkeit und die Unbeirrbarkeit der Sehnsucht, und dieser Doppelbödigkeit wird die Inszenierung (Jens-Daniel Herzog) überzeugend gerecht. Sie bedient lustvoll und üppig die in der Story liegenden einschlägigen Klischees – vom verlotterten, aber letztlich edlem Adel und von Pariser Maler-Bohème (arm, albern, glücklich), von Salondamen (verrucht), käuflichen orthodoxen Priestern und russischen Magnaten (kommen als Mafiosi daher) –, macht andererseits aber auch existentiell ernst, wenigstens momenthaft. So gleich im ersten Bild (1. Szene): im dunklen Bühnenraum grell angestrahlt sitzt einsam ein sichtlich gebrochener Mann (Graf René von L.). Das Bild wendet sich aber schon in der zweiten Szene ins Komische, der Verzweifelte mausert sich zum Betrunkenen mit totalem Hangover, und auf die Bühne spazieren … nicht, wie man erwarten könnte, ein ausgewachsener Kater oder weiße Mäuse, vielmehr eine riesige blaue Ratte mit roten Glühaugen, einen schwarzen Rattenchor mit roten Spitzhäubchen im Schlepptau! Sie singen von der verschwenderischen Lebenslust des Grafen von L., wobei dieser sich fleißig weiter mit Champagner beschüttet – eine verzweifelt komische Szene.
Das nun ist ein Beispiel für den Spielwitz dieser Inszenierung, der teils dem Agieren der Protagonisten, teils der Ausstattung und dem Bühnenbild entspringt. So dampft etwa ein rotes Teufelchen höhnisch keckernd aus dem Kühlschrank hervor, als Graf René in seiner heruntergekommenen Wohnküche sein „Ehrenwort“ auf den falschen Heiratsdeal mit dem russischen Fürsten gibt (1. ‚Akt, 3. Szene). Mir macht solcher Einfall Vergnügen, und mit Vergnügen erinnere ich mich auch an andere „Klamotten“, etwa daran (alles 2. Akt, Szenen vor und in der Oper): dass ein giftgrüner Drache die Opernpforte hütet und ausgerechnet unter dem Schild „Rauchen verboten!“ anfängt zu qualmen, als er gegen die Eindringlinge (Graf René und sein Malerfreund) herausstürzt. Dort nun lehnt ein Fahrrad an der Mauer, geradewegs unter dem Schild – nein, nicht „Fahrräder abstellen verboten“, sondern „alles abstellen verboten“!; und als Stolperstein bei der wilden Verfolgungsjagd zwischen den Bodyguards des russischen Fürsten und dem Grafen René dient ein mittelgroßes Nashorn just in der eingeknickten Position, in der auch die Bronzeskulptur eines solchen Tieres von Johannes Brus vor dem Museum Kunstpalast steht – ob Zufall oder feine Reverenz an Düsseldorf, ist für den Spaß egal. Ach ja: In der Oper – derjenigen auf der Bühne – tritt auch noch ein Männerballett auf mit Szenen aus „Schwanensee“ – juxig, und großer Zwischenapplaus!
Die realistisch aufgestellten Bühnenräume – die Oper im 2. Akt, das Grand Hotel im 3. Akt – haben wenig Glamour, viel verblichene Pracht. Damit freilich gibt sich das Genre selbst einen verblichenen Anstrich, was mir nicht schlecht gefallen hat. Gut gefallen haben mir auch einige textliche Modernisierungen, etwa die nicht unpolitischen Einlassungen im berühmten Auftrittssong der als dea ex machina fungierenden russischen Gräfin (Stasa Kokozowa, gesungen und gespielt von Susan Maclean): „Was ist das für ‘ne Zeit, liebe Leut?“; darin werden SMS und Chatten als Ersatzkommunikation und ein gewisser Herr Trump als verkommene Gestalt von Uncle Sam übel beleumundet – Gesinnungsapplaus im Publikum! – Ich hatte also mein nachhaltiges Vergnügen an dieser Inszenierung, bedaure nur etwas, dass sich der anfangs und eingangs gezeigte Ernst mehr und mehr verflüchtigt; die Schlussszene, das unwahrscheinliche Happyend, ist nur noch Klamauk, reichlich bedient mit Requisiten aus dem Fundus der Deutschen Oper am Rhein.
Natürlich sind die berichteten inszenatorischen Einfälle nur ein Teil des gelungenen Ganzen. Wesentlich getragen wird es von hervorragenden Sänger-Schauspielern – allen!, doch allen voran Graf René (Bo Skovhus, von Hause aus ein Bariton; musste ab und an stimmlich pressen, was ich verzeihlich fand, da er fabelhaft agierte) und sein „Engel“ Angèle mit klarem vollen Sopran (Juliane Banse ). – Getragen wird die Aufführung ebenso von den teils rasanten Szenenwechseln, bei denen Drehbühne und Schnürboden der Deutschen Oper am Rhein zeigen, was sie können, und von den Düsseldorfer Symphonikern unter Lukas Beikircher, die ihren Léhar beschwingt herausspielten. – Bleibt für mich eine Aufführung, die der musischen Zwillingsmaske Tribut zollt, die als Giebelrelief über der Bühne angebracht war und dem Publikum vor Augen hielt: „ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“ – den heiteren Teil serviert dieser Graf von Luxemburg üppig.

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

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