Isabell Boyer über „Der Graf von Luxemburg“

Die reinste Gefühlsachterbahn

der_graf_von_luxemburg_06_foto_hans_joerg_michelAls ich am Samstag in die Düsseldorfer Oper schritt, formulierte sich in meinem Kopf nur eine Aussage: Winter und Weihnachtszeit heißt Operettenzeit. So meine Theorie. Ich stellte mich schon im Vorhinein auf etwas Lockeres, Heiteres ein, hatte ich doch noch die Zirkusprinzessin positiv in Erinnerung. Nachdem ich mich gesetzt hatte und mir der wundervoll bis zum letzten Platz gefüllt aussehende Saal aufgefallen war, lehnte ich mich entspannt zurück und betrachtete das von einem Glühbirnenrahmen erhellte Bühnenbild, das sich vor mir eröffnete.
Die Handlung war recht simpel und innerhalb weniger Szenen verständlich. Zugegeben, ich konnte mich mit dem Anfang nicht anfreunden. Der erste Akt wirkte wie ein Stück in sich mit einem traurigen Ende und für einen Moment war ich ein wenig ernüchtert darüber, dass das Potential, was zwischendurch gezeigt wurde, durch die sehr ernste Ausführung der Stücke und durch die vom Orchester verschluckten Worte des Protagonisten nicht ausgenutzt wurde.
Dann aber nach der Pause begann der zweite Akt und Gott, wie ich mich getäuscht habe! Innerhalb weniger Minuten änderte sich die ernste, melodramatische Stimmung in etwas Amüsantes, Freches und Frisches. Es tat so gut, zu sehen, wie altes Material genommen und in einen modernen Kontext erhoben wurde. Auch die Kabaretteinwürfe vom Hausmeister/Manager/Zimmermädchen/Kellner haben mir außerordentlich gut gefallen. Mein persönliches Highlight war aber das Paradestück der alten Gräfin Kokozowa, gespielt von Susan Maclean, das zum einen unglaublich gut gespielt und gesungen war, andererseits aber auch einen wundervollen Kommentar zur heutigen Gesellschaft gegeben hat und es wagte, auch mal die heikleren Themen auf die ernste Bühne der Oper zu bringen. Ich kann für diese Neuinterpretation nur ein großes Dankeschön aussprechen und hoffe, dass sich dieser Trend des Verbindens von Vergangenheit und Gegenwart weiter durchsetzt.
Selten bin ich mit einem so positiven Gefühl im Bauch heimgefahren. Ein wohl inszenierter Brückenschlag für das neue Jahr.

Weitere Informationen zu „Der Graf von Luxemburg“

Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

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