Uwe Schwäch über b.30

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg
b.30 Wounded Angel   ch.: Natalia Horecna

Offenbarung tänzerischer Obsessionen

Die Uraufführung des neuen Düsseldorfer Ballettdirektors Remus Şucheană entführt uns in expressionistische Tanzformen. Vor schwarzem Hintergrund erleben wir den Tanz in „Concerto Grosso Nr. 1“ im Wandel von Einsamkeit und menschlicher Erleuchtung. Technische Brillanz und körperliche Athletik tauchen in eine facettenreichen Umsetzung ein. Die entführt uns in polarisierende Welten: Einmal dunkel und bedrohlich, dann wieder eloquent und zugewendet. Die Choreographie von Şucheană ist anspruchsvoll und wird von tänzerischer Eloquenz getragen. Wie so oft glänzt Marlúcia do Amaral in einem Solo und begeistert mit ihrem filigranen und selbstwussten Tanzstil.
Die aus den 1970er Jahren stammende Musik von Alfred Schnittke stellt eine gelungene Wahl für dieses Ballett dar. Wenngleich in der Kompositionsweise modern und polystilistisch, weist die Musik melodisch barocke Elemente auf, die sich sehr gelungen mit dem Tanz verbinden.
Auch in „Lonesome George“ hat die Musik eine herausragende Bedeutung. Zum Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch und der Kammersinfonie von Rudolf Barschai wird eine elegische Stimmung wie in einem Hitchcock-Klassiker erzeugt. Nebel auf der wieder schwarzen Bühne erzeugt Spannung und Mystik. Und genau so offenbart sich uns der Tanz: wild, virtuos und mystisch. Der Zuschauer wird mitgerissen von Tänzern, die mit Händen, Armen und ihrem Kopf stakkatohaft Bewegungen kreieren, die ungesehen und gleichzeitig höchst anspruchsvoll sind. Ein tänzerisches Feuer stets bedacht auf physische Zugewandtheit. Ein Highlight in der diesjährigen Ballettspielzeit.
Die zweite Uraufführung „Wounded Angel“ von Natalia Horecna ist von hoher Komplexität und Heterogenität geprägt. In sich dreiteilig strukturiert erfahren wir in einer an das Tanztheater angelegten Choreographie viel über menschliche Sehnsüchte. Die Darstellung ist bisweilen obsessiv und wir hören musikalische Klangmuster, die vor Polyphonie strotzen. Eher selten sind weiche, einfühlsame Passagen, die ungleich mehr Sympathie für dieses außergewöhnliche Ballett erzeugen. Denn die erzählte Geschichte wirkt bisweilen aufgesetzt und überladen, nicht jeder Protagonist erschließt sich schlüssig in seiner Rolle. Hierzu tragen auch die fantasievoll entworfenen Kostüme bei, die bei dem einen oder anderen Zuschauer eine Inspiration für den Düsseldorfer Karneval sein dürften.

Weitere Informationen zu b.30

Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

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