Georg Hess über b.30

 

b30_concerto_grosso_nr_1_01_foto_gert_weigeltBallett in Düsseldorf – eine Wundertüte!

Besucht man Oper oder Operette, so findet man eine einzige abendfüllende Inszenierung vor, die einen entweder gut unterhält oder eher uninspiriert zurücklässt. Das besondere an einem Ballettabend des Balletts am Rhein ist jedoch, dass der Zuschauer meist in drei verschiedenen, voneinander unabhängigen Akten die Chance erhält, sich zumindest von einer Aufführung fangen zu lassen.
Schon von der ersten Darbietung, dem „ Concerto Grosso Nr. 1“, getragen von zwei Sologeigen, einem Cembalo und einem Klavier, inszeniert von dem Ballettdirektor Remus Şucheană, bin ich fasziniert. Zu düsteren und dramatischen, aber nie lauten, eher feinen Klängen, werden die Gefühlswelten von drei Frauen tänzerisch dargeboten, die sich aus der Familie, einer Partnerschaft oder aus einer Menschengruppe isolieren (oder isoliert werden). Die unaufdringlichen, ästhetischen Kleider der Darsteller, die harmonischen Bewegungsabläufe und das auf Schwarz und Weiß reduzierte Bühnenbild treffen genau meinen Nerv. Schon jetzt habe ich meinen Favoriten des Abends gekürt.
Doch dann der zweite Akt. Auch in „Lonesome George“ überwiegen Schwarz und Weiß und der Bühnenhorizont ähnelt einer Regenfront mit Nebelschwaden. Tänzer und Tänzerinnen, stellen mit extrem hastigen, aber synchronen, glatten und geschmeidigen Bewegungsabläufen hauptsächlich ihrer Oberkörper eine atemberaubende Choreografie dar, die mich zunächst an die Motorik heranwachsender Vögel erinnert, die verzweifelt versuchen, sich in der bedrohlichen Welt zurechtzufinden. Da es sich bei dem titelgebenden „Lonesome George“ jedoch um eine der letzten Riesenschildkröten auf den Galapagos-Inseln handelt, könnten die Darstellungen aber auch Bewegungen von Schildkröten ähneln auf der verzweifelten Suche nach Artgenossen? Aber egal: Bei dieser Aufführung brauche ich keine sinnbringenden Handlungstheorien zu ergründen um gefesselt zu sein. Die unglaubliche permanente Schnelligkeit und Schönheit der flatternden, ungewöhnlichen Bewegungen der dunkelblau und schwarz gekleideten Tänzer und Tänzerinnen, die zu keiner Zeit den Eindruck vermitteln nicht einer bestimmten Komposition zu unterliegen, packt mich, ebenso die musikalische Begleitung. Und nicht nur ich bin begeistert. Das Publikum zeigt durch langanhaltenden und sehr starken Beifall mit Rufeinlagen, dass diese Inszenierung von Marco Goecke den Zeitgeist getroffen hat.
Aus dem dritten Stück des Abends mit dem vielversprechenden Titel „Wounded Angel“, choreografiert von Natalia Horecna, verabschiede ich mich dann kopfmäßig schon frühzeitg. Sowohl die tänzerische Darbietung als auch die Art der Kostümgestaltung, die helle Beleuchtung, die Zwischenrufe der Darsteller erreichen mich nicht mehr. Diese Aufführung ist für meinen Geschmack zu nah am amüsanten und komödiantischen Tanztheater orientiert. Das passt bei mir dann nicht mehr in die durch die beiden vorherigen Stücke erzeugte Grundstimmung. Möglicherweise wäre ich für das Stück offener gewesen, wäre es an diesem Abend als Erstes gestartet.
Auch wenn mich das letzte Stück nicht begeistert hat: Ein sehr ansprechender Ballettabend. Vielen Dank für b.30 an Martin Schläpfer!

Weitere Informationen zu b.30

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

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