Gisela Miller-Kipp über b.30

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Eine faszinierende Ballett-Trilogie

Eine faszinierende, ganz auf moderne Körpersprache und Bewegungsmuster und ihnen angemessener Musik konzentrierte Ballett-Trilogie. Zur Konzentration zwingt schon die Bühne: getanzt wird durchweg im dunklen Bühnenraum, nur der Boden leuchtet schwach, die Tänzer und Tanzgruppen werden von Spotlights ausgeleuchtet, gelegentlich gibt es großformatige Raumelemente. So ragen im ersten Stück fünf erleuchtete Fenster weit von rechts in die Bühne hinein und bewegen sich ab und an im Raum – fand ich geheimnisvoll; im zweiten Stück wabert mächtiger Nebel in die Höhe, und silberne Regenfäden schnüren herunter – auch schön anzusehen; im dritten Stück nimmt eine riesige weiße Stufenleiter – wohl als Himmelsleiter – die Bühnenmitte ein, dazu schwebt einmal ein großes Mobile mit „himmlischen“ Elementen (Stern, Wolke Mond, Herz) herab, und einmal fährt ein weißer Bagger auf die  Bühne und kippt weiße Elemente (Gefühlsmüll?) aus – sinnfällige Symbolik.
Das erste Stück: „Concerto grosso Nr. 1“ von Alfred Schnittke, choreographiert von Remus Şucheâna, dem neuen Direktor des Balletts am Rhein neben Martin Schläpfer und choreographisch unverkennbar dessen Schüler, ist eine Ballett-Studie über Ein- und Ausgrenzung, getragen von drei Ballerinen (Ann-Katrin Adam, Yuko Kato, Marlúcia do Amaral). Es hat mir als kongeniale Einheit von Tanz, Musik und Bühne sehr gut gefallen, wobei mich zwei Passagen besonders entzückten: ein Tango und das Zitat – Schnittkes Komposition ist voller Zitate – von Arthur Honeggers „Pacific 231“, eine vorwärts stampfende musikalische Hommage an diese berühmte Dampflok. – Schön auch die einsamen Abgänge der drei Ballerinen unter lang flirrendem Geigenton – ein „Bravo“ an dieser Stelle den beiden Violinen (Franziska Früh und Dragos Manza), wie überhaupt die Kammermusikanten aus den Düsys unter der Leitung von Jean-Michael Lavoie bestens aufspielten. – Ein Eindruck noch von den Ballerinen: am besten gefiel mir Yuko Kato mit ihren harmonisch fließenden Bewegungen. Dagegen tanzte Marlúcia do Amaral wie gewohnt überpräzis, mit jeder Muskelfaser beherrscht bis in die Finger- und Fußspitzen; ich fand es geradezu menschlich, dass sie sich hier (an diesem Abend) auch einmal verstolperte.
Nun aber das zweite Stück: „Lonesome George“, eine Choreographie von Marco Goecke auf das 8. Streichquartett von Dimitri Schostakowitsch – eine ungemein beeindruckende Aufführung! Zur rhythmisch rasant treibenden Musik wird hier die Maschinensprache des Körpers vorgeführt, ja zelebriert und auch neu erfunden. Natürlich gibt es maschinelle Ballettsprache schon, am bekanntesten davon wohl die Figur der Coppelia, der schönen lebensgroßen Aufziehpuppe des Zaubermeisters Coppelius. „Lonesome George“ ist aber eine komplette Aufführung in solcher Maschinensprache und war damit für mich eine neue Bewegungswelt. Nicht nur der ganze Körper tanzt solo oder in Gruppenformationen ausschließlich eckig und stakkato, auch alle Glieder des Körpers einzeln tanzen so: die Hände, die Unterarme, die Oberarme, die Füße, die Unterschenkel, die Oberschenkel – ein jedes für sich, also nicht nur als Extremität des Körpers. Superstark! – Mit dem Titel des Stückes kann ich freilich nichts anfangen. „Lonesome George“ zitiert jene pressebekannte alte einsame Riesenschildkröte, vermeintlich die letzte ihrer Art (sie ist es nicht, aber inzwischen gestorben) – was soll’s? Denken kann ich allenfalls an die Harmonie der Welt bzw. die Harmonie von Welt und Mensch, für die im ostasiatischen Religionsraum die Schildkröte steht, die den Erdball trägt; diese Harmonie löst sich hier in schneidende Dissonanz auf. Man muss beim Ballett aber auch nicht tiefsinnig werden; es ist eine Veranstaltung für die Sinne, für Auge, Ohr und Bauch, nicht für den Kopf, wenigstens nicht in erster Linie. So ist dieses Stück für mich ein sinnlicher Aufreger der Extra-Klasse.
Auf das letzte Stück hätte ich danach verzichten können. „Wounded Angel“, eine Uraufführung von Natalia Horecna nach ausgesuchten Musikstücken der Moderne, ist getanzte Gefühlsmetaphysik – halb teuflischer, halb alberner Schabernack, halb Erlösungsmärchen; nun ja. Es treten auf und streiten miteinander böse bzw. schlechte gegen gute Gefühle und Werte als da sind: Self-Love, Insecurity, The Ego, Poor Me, Success, Believe, Fear, Jealousy, Wealth. Sie tanzen und tollen als Teufelchen (Hornkäppchen, Entenschwänzchen), als Versöhner- und Verführerinnen (rote Kleidchen mit schön gebauschten Filzröckchen) herum, ab und an geradezu kindisch (Teufelchen schnüffeln sich an den Füßen, auch einmal am Pöter, das Ego bläst sich dickbäuchig auf usw.). Gekennzeichnet werden die aufgeführten Verkörperungen wörtlich durch große Beschriftung auf den Kostümen – für mich, wie die überdeutliche Pointierung dieser Inszenierung insgesamt, eine Misstrauenserklärung an die Körpersprache!
Als Hauptpersonen sind dabei: die reine Liebe/das Herz (nur Herzsymbol auf dem Kostüm), der gemeine Mann (Tänzer im Anzug) und eben der „verwundete“ Engel (in weiß mit großen gefederten Flügeln). Der Engel schlappt mehr oder weniger bedeutungsvoll über die Bühne, der gemeine Mann macht hingegen Metamorphosen durch: Er wird zum nackten Adam, als er im Laufe der Vorführung seines grauen Anzugs, des Kostüms der Zivilisation, urplötzlich verlustig geht und in einem Hauch von Strumpfhose weiter tanzt, sich dabei auch in die ausführliche Pose des „Lichtgebets“ von Fidus (eine Ikone der deutschen Jugendbewegung!) versteigt und zuletzt im weißen Anzug irgendwie unschuldig hinter der Himmelsleiter hervortritt. – Wie auch immer, und wie man sich denken kann: das Tanzgeschehen dreht sich letztlich um Verführung und Erlösung von Mann/Adam und Frau/Liebe. Die beiden unterliegen/sterben auf offener Bühne, dort gibt es dazu Teufelstöne von Violine und Gitarre (Duo Probosci). Doch verebben diese in süßen Klängen, der Engel legt sich tröstend über das hingestorbene Paar, es gibt Wiederauferstehung, und zum guten Schluss steigen das Herz/die Liebe und der Engel langsam, mühsam ein paar Stufen der Himmelsleiter empor. Schluss. – Man kann dieses konventionelle Stück sehr vergnüglich finden; nach „Lonesome George“ fand ich es aber banal. – Doch insgesamt: ein faszinierender, ein bereichernder Ballettabend.

Weitere Informationen zu b.30

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

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