Christoph Grätz zu „Madama Butterfly“

Die Feigheit der Teufelskerle

Dass diese Geschichte nicht gut ausgeht, ist von der ersten Szene an klar, und doch gelingt es Joan Anton Rechi in seiner Inszenierung von Puccinis „Madama Butterfly“ die Spannung bis zum Finale zu halten. Ich habe mich keinen Moment gelangweilt, sondern das verzweifelte und trotzige Warten der jungen Geisha Cio-Cio-San in seiner emotionalen Tiefe nachempfinden können.
Das Bühnenbild des ersten Aufzuges zeigt die amerikanische Botschaft in Nagasaki, in der die Trauung von Benjamin Franklin Pinkerton mit der erst 15-jährigen Geisha „Butterfly“ amtlich und äußerst lieblos vollzogen wird. Für Sie ist diese Liaison die Befreiung aus dem Geisha-Dasein und eine echte Liebesheirat, für Ihn ein Spiel um eine Nacht mit einer schönen jungen Frau. Einzig der amerikanische Konsul Sharpless gibt dem skrupellosen Offizier zu bedenken, wie zerbrechlich Butterfly ist. Aber was ein echter kerniger Yankee ist, der lässt sich von derlei Bedenken nicht in seiner Abenteuerlust bremsen, zumal der Ehevertrag jederzeit die einseitige Aufkündigung des Bündnisses seinerseits ermöglicht. Die Liebesnacht ist vollzogen; Pinkerton hat sich aus dem Staub gemacht und die Bühne fällt in tosendem Gepolter in Schutt und Asche. Ein überraschend monumentales Ende des ersten Aktes ist diese Anspielung auf den Abwurf der Atombombe auf Nagasaki, der Stadt in der auch diese Oper spielt.
In dieser gespenstischen Kulisse wartet die nun frischvermählte Mrs. B. F. Pinkerton verzweifelt auf die Rückkehr ihres geliebten Ehemannes, dem zuliebe sie sogar ihrem Glauben abgeschworen und die gesellschaftliche Verbannung in Kauf genommen hat. Das Bühnenbild versinnbildlicht hier geradezu ideal die Verzweiflung, vergebliche Hoffnung und Sinnlosigkeit des Wartens. Als Pinkerton nach endlos erscheinenden Jahren tatsächlich kommt, ist alles anders als von Butterfly und ihrem inzwischen dreijährigen Sohn erwartet. Der Offizier ist inzwischen mit Kate, einer Amerikanerin, verheiratet. Als Cio-Cio-San den Verrat versteht, nimmt sie sich in einer dramatischen Szene das Leben, um wenigstens in Ehre zu sterben. Mit ihrem Freitod ermöglicht sie – wie paradox –  ihrem Kind eine gesicherte Zukunft bei seinem Vater und dessen neuer Frau.
Da diese Oper, was die Handlung betrifft, keine überraschenden Wendungen bietet, ist es umso wichtiger die Fallhöhe der sich anbahnenden Katastrophe auszuloten und dramaturgisch geschickt aufzubauen. Dies ist dem Regieteam hervorragend gelungen. Aziz Shokhakimov leitet das Orchester feinsinnig und gut ausbalanciert durch alle emotionalen Höhen und Tiefen, die Puccini musikalisch meisterhaft angelegt hat. Die szenische und gesangliche Umsetzung der Titelpartie gelingt der Sopranistin Liana Aleksanyan glänzend, was sicher auch daran liegt, dass sie diese Rolle erst vor ein paar Wochen noch in der Mailänder Scala gesungen hat.
Aber auch die andere Hauptrolle ist gut besetzt mit Eduardo Aladrén, der den schuftigen amerikanischen Marineoffizier Benjamin Franklin Pinkerton glaubwürdig auf die Bühne bringt. Diese Figur nährt einmal mehr meine Abscheu für Teufelskerle, die – wie im richtigen Leben – mit ihrer Skrupellosigkeit und Egozentrik häufig nicht nur emotionale sondern auch echte Trümmerfelder hinterlassen. Sein Credo „America forever“ wirkte wie eine nachträglich eingebaute Anspielung an die aktuelle politische Situation. Welch ein visionärer Blick des Komponisten, als hätte er schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Blick in das beginnende 21. geworfen. Psychologisch stimmig ist auch, wie der ignorante Yankee-Militär schließlich als erbärmlicher Maulheld und Feigling entlarvt wird, für den Unbeteiligte und Unschuldige die heißen Kartoffeln aus dem Feuer holen müssen. Dies verleiht der Oper eine Aktualität, mit der ich an diesem Abend nicht gerechnet hatte. Diese Inszenierung ist bis in die Nebenrollen mit hervorragenden Solistinnen und Solisten besetzt. Hier ist besonders Maria Kataeva in der Rolle der Dienerin Suzuki zu erwähnen. Wer großartige Musik, tiefe Emotionen und hervorragende Stimmen erleben will, und dies alles in einer stimmigen und packenden Aufführung, dem sei diese Inszenierung wärmstens empfohlen.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater. Christoph GrŠtz

Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

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