Astrid Klooth über „Madama Butterfly“

Madama und Hegemon

Der Plot von Puccinis „Madama Butterfly“ – verarmte, gutherzige 15 jährige Geisha wird nach einer gemeinsamen Nacht von US-Soldaten verlassen – , rekurriert auf historische Vorfälle zur  Zeit des amerikanischen Militärs in der Hafenstadt Nagasaki.
Marineoffizier Pinkerton führt die naive, noch nicht volljährige Cio-Cio-San kaltschnäuzig vor den Traualtar, um sie ins Bett zu kriegen. Nach dem ehelichen one-night-stand macht er sich auf und davon und lässt die junge Braut entehrt, schwanger  und von ihrer Familie geächtet, zurück. Dennoch schmachtet sie seiner ungewissen Rückkehr entgegen. Tatsächlich kehrt Pinkerton drei Jahre später  mit seinem American wife zurück und pocht darauf, den unehelichen Sohn in das wirtschaftlich prosperierende Amerika mitzunehmen.  Cio-Cio-San, all ihrer Illusionen und ihres Kindes beraubt, begeht daraufhin Harakiri.
Warum die Inszenierung den Atombombenabwurf über Nagasaki mittels eines zugemüllten Bühnenbildes im zweiten und dritten Akt zu symbolisieren versuchte, hat sich mir nicht erschlossen. Als zeitlose Anspielung drängte sich mir eher die ewig  wiederkehrende Konstellation Mann (unverbindlicher, schneller Sex)  – Frau (Liebe, Ehe, materielle Versorgung) auf.  Gerade dort wo sich (Besatzungs-) Soldaten einer ärmeren Zivilbevölkerung gegenüberstehen sind ähnliche Vorfälle wie zwischen Cio-Cio-San und Pinkerton an der Tagesordnung. Wenn schon zeitlose Allusion und Kritik an Kulturimperialismus und Yankee-Ignoranz,  warum nicht Blauhelmsoldat in Bosnien oder Haiti, wo der Missbrauch von Frauen und Minderjährigen bis zu den Vereinten Nationen ruchbar wurde?
Sehr viel besser als das über große Strecken öde Bühnenbild hat mir die musikalische Gestaltung der „Madama“ gefallen. Da sind zum einen die unter dem jungen Ausnahmetalent Aziz Shokhakimov brilliant aufspielenden Duisburger Philharmoniker zu nennen, auch wenn  manche  Orchesterpassagen (Solopartie der Suzuki) teilweise etwas zu laut gerieten. Liana Aleksanyan in der Rolle der Cio-Cio-San war überragend, fast ebenbürtig Eduardo Aladrén als Pinkerton und auch Maria Kataeva (Suzuki) und der bewährte Stefan Heidemann (Sharpless) konnten mich überzeugen.
Mein persönliches Fazit: Wer nicht unter Putzzwang leidet, kann über das Bühnengerümpel großzügig hinwegsehen, die Augen schließen und die wunderbare Musik dieser Opernaufführung genießen.

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

Opernscouts Astrid KloothAstrid Klooth
Oberstudienrätin im Hochschuldienst
Durch ihre Mitgliedschaften im Philharmonischen Chor und im Theaterring Duisburg ist Astrid Klooth Orchester und Theater seit vielen Jahren verbunden. Als Uni-Dozentin hat sie fast täglich mit jungen Menschen zu tun und hofft, durch ihre Beiträge ihr Interesse am Musiktheater einer breiteren Schicht zugänglich machen zu können.

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