Martin Breil zu „Madama Butterfly“

madamabutterfly_foto_hansjoergmichel_altDie wohl traurigste Oper

„Nimm genug Taschentücher mit“ sagt man gern etwas scherzhaft, wenn man jemandem den Besuch einer besonders tragischen oder tränenreichen Oper empfiehlt, um den hohen Grad der Rührung zu beschreiben, den das Stück auslösen könnte. Bei „Madama Butterfly“ ist das anders. Hier mag der Zuschauer das mitgebrachte Päckchen Taschentücher nach dem letzten Vorhang eher vor Wut zerdrückt in den Mülleimer pfeffern, nicht weil die Inszenierung oder die Sänger schlecht gewesen wären, sondern weil sich in der Rückschau seit der Uraufführung von Giacomo Puccinis Oper 1904 offenbar immer noch nicht viel in unserer Gesellschaft zum Besseren verändert hat. Es geht in der Oper um Sextourismus, Kindesmissbrauch, Ehebruch, Ausbeutung, Kolonialismus und die vielen anderen Schmutzigkeiten, die sich unsere Gesellschaft unter dem Deckmäntelchen westlicher Werte noch heute in den Schwellenländern leistet. Cio-Cio-San, das 15-jährige japanische Mädchen steht dabei stellvertretend für alle Kinder, die auf Kosten unseres billigen Wohlstandes, seelisch gequält und ausgebeutet, ihrem Schicksal überlassen werden. Minutenlang schaut Cio-Cio-San hilflos den Zuschauer an und wartet auf eine Reaktion. Schweigend schaut sie in die Ränge und klagt an, was der Marineoffizier Pinkerton ihr angetan hat. Dazu ertönt die wunderbare Musik Giacomo Puccinis, die die Klarheit und Unschuld ihrer kindlichen Seele so wunderbar zum Ausdruck bringt, sodass der Betrachter nur noch hilflos, ohne Antwort und beschämt zu Boden schauen kann. Liana Aleksanyan singt die Rolle der Cio-Cio-San perfekt. Dirigent Aziz Shokhakimov bringt das Potenzial der Duisburger Philharmoniker zu seltener Strahlkraft. Musikalisch, wie auch schauspielerisch ist die Oper ein Hochgenuss. Den Atombombenabwurf von Nagasaki in Zusammenhang mit der Zerstörung von Cio-Cio-San‘s Seelenleben im Bühnenbild zum Ausdruck zu bringen ist Geschmackssache. Dass die Inszenierung mit dem rüpelhaften Yankee Pinkerton zeitnah mit dem Ausgang der Wahlen in den USA zur Aufführung kommt ist sicher ein reizvoller Zufall. Erinnerungen an „Aida“ werden nach der Vorstellung wieder wach. Nach dem „Graf von Luxemburg“ ein beeindruckendes Beispiel für das große Spektrum der Höhen und Tiefen des Lebens, die das Theater vor den Augen des Betrachters abrollt. Bravo!

Weitere Informationen zu „Madama Butterfly“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Martin Breil
Dipl. -Ing. für Hochbau
Martin Breil ist beschäftigt beim Bauaufsichtsamt der Stadt Duisburg. Neben seinem Interesse an den bildenden Künsten, hört er leidenschaftlich gern Jazz und klassische Musik, insbesondere mit den Duisburger Philharmonikern. Das Lauschen zu Opernklängen bedeutet für ihn ein Abheben in eine andere Dimension und das Abschalten von allem Belastenden des Alltags. Auch das Ballett fasziniert ihn: Wo kommen, außer in der freien Natur, Kraft und Ästhetik stärker zum Ausdruck als dort? Als Opernscout ist er dankbar, seine eigenen Eindrücke nach außen tragen zu dürfen, um dort Leser für einen Opern- oder Ballettbesuch zu begeistern.

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