Gisela Miller-Kipp über „Turandot“

Rätselvolle Inszenierung, großartig anzuhören und sehr schön anzusehen

Turandot, das ist das altorientalische Märchen von jener Prinzessin, die sich, um eine geschändete Ahnin zu rächen, keinem Manne hingeben wollte, es sei denn, er löse drei ihrer schier unlösbaren Rätsel; wenn nicht, verlor der Freier seinen Kopf. So hatte denn der Henker in ihrem Reich – hier in China – alle Hände voll zu tun, bis Prinz Kalaf kam und mit todesmutiger Liebe die Rätsel zu hören begehrte – und nun nimmt das (Opern)Drama seinen Lauf. Es ist natürlich mehrdeutig; in der Deutschen Oper am Rhein wird es jetzt als politisch verrätselte Traumerzählung inszeniert (Huan-Hsiung Li, Taiwan). Diese Doppelbödigkeit überzeugt mich, weil man dergestalt das Spiel von Liebes-Macht und Hingabe, von Herrschaft und Unterwerfung, nicht nur als persönliches, sondern auch als gesellschaftliches Geschehen lesen und hoch aktuelle Momente darin erkennen kann. Überdies hat mich die Inszenierung ästhetisch fasziniert mit ihrem Wechselspiel von altchinesischer Kulisse und modernen Videoprojektionen, all dies in glühendem Farbspiel – fand ich richtig gehend „märchenhaft“.
Ouvertüre: Man sieht im Bühnenhintergrund das gewaltige Halbrund einer chinesischen Palastmauer: die begehbare Silhouette der alten Kaiserstadt Peking, darauf projiziert ein alter Filmstreifen von einer demonstrierenden Menschenmenge sowie düsteres Wolkengebräu und strömender Gewitterregen, dann eine Einblendung: „Disperse or we fire“ (!). Heraufbeschworen werden damit die revolutionären Aufbrüche in China, hier der „Boxeraufstand“ 1900/01 (Filmmaterial), vielleicht auch die niedergewalzte Studentendemonstration auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking 1989, gewiss aber die „Regenschirm-Revolution“ in Hongkong 2014; denn alsbald tritt der Chor bewaffnet mit schwarzen Stockschirmen auf. Durch das Bild schwebt im weißen Nachthemd eine junge chinesische Frau, sie landet und schlafwandelt auf der Bühne, was wohl bedeutet: hier wird ein Traum erzählt. Die Figur ist eine Erfindung des Regisseurs; sie taucht im Verlauf der Oper immer wieder einmal tanzend oder stolpernd auf der Bühne auf, dient mithin als Bindeglied zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen politischem und persönlichem Drama. Das wird nun großartig gesungen.
In den beiden Titelpartien legten Linda Watson als Prinzessin Turandot in blutrotem kaiserlichen Prunkgewand und Yonghoon Lee als Prinz Kalaf in Tartaren-Kluft gesangliche Glanzleistungen und stimmliche Kraftakte hin. Gesungen wurde anhaltend forte und, Yonghoon Lee nicht ohne Presser, gelegentlich fortissimo. Dazu spielten denn auch die Düsys unter Wen-Pin Chien (Taiwan) Puccini „volle Pulle“, souverän mit Pauken und Trompeten und großer Trommel. Das war ein Ohrenschmaus, schont aber die Sänger wenig; die meisterten das mit Stimmpracht bis zum finalen Liebes-Duett. Da fällt dann Goldregen auf das Tor des „himmlischen Palastes“ – Ende gut, alles gut und sehr schön. – Die Bravourarie übrigens des Kalaf: „nessun dorma“ („keiner schlafe“), schmetterte Yonghoon Lee mit metallischer Stimme geradezu heraus, meine Sitznachbarn riss es aus den Sesseln, mich nicht so arg. Ich hatte dazu Luciano Pavarotti im Ohr, dessen „nessun dorma“– eine seiner Glanzpartien – im Spitzenton dahin schmilzt. Solche Töne brachte Anke Krabbe. Sie sang die liebende Dienerin des Prinzessen bezaubernd: innig-süß und auch in höchster Stimmlage noch voll und weich – Balsam in meinen Ohren, ich applaudierte begeistert mit. – Vergleichbar klar und lieblich sang auch der Kinderchor, überhaupt sind die Auftritte des Chors – ein Riesenensemble – sehr beeindruckend. Ebenfalls prima sang und klang das Trio der drei Weisen Ping, Pang und Pong (Dmitri Vargin, Johannes Preißinger, Luis Fernando Piedra); leider, fand ich, mussten sie leicht albern herumhantieren. – Beschäftigt haben mich noch die großen Pergamente, die aus dem Bühnenhimmel herunter rollten. Auf sie wurde allerlei projiziert: Gegenstände, z.B. Stühle (was soll‘s?), Symbole, verhuschte chinesische Schriftzeichen in dicker Tusche, satt platzende Blasen (Tinte? Blut?) – blieb mir rätselhaft. Darüber zu spekulieren macht aber Spaß, die inszenatorischen Rätsel müssen ja nicht vollends aufgehen. Und so empfehle ich, sich selbst daran zu versuchen und diese fabelhafte Turandot zu besuchen.

Weitere Informationen zu „Turandot“

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

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