Uwe Schwäch über b.31

Träume und Sehnsüchte

In „Obelisco“ bringt Martin Schläpfer das Publikum mit Miniaturtänzen zum Schwelgen und Staunen. Gleich zu Anfang eröffnet ein Tanz im Freestyle den Reigen schnell wechselnder Tanzsequenzen, von denen es insgesamt sieben zu sehen gibt. Alle weisen heterogene Tanzcharaktere auf und werden von Musik verschiedener Stilrichtungen und Epochen begleitet – von Mozart bis Marla Glen. Das ist nicht nur vielseitig und spannend, es vereinnahmt den Zuschauer mit einzigartigen Feinheiten virtuoser Bewegungskunst. Eingerahmt in ein puristisches Bühnenbild, das als Kulisse lediglich schwach illuminierte Hängefäden zeigt, liegt der Fokus bei den herausragenden Protagonisten, die sich mit Leidenschaft ihrem Tanz hingeben. Bestechend sind auch die verschiedenen phantasievollen Kostüme, die keck aber niemals übertrieben wirken. Und wer schon immer mal einen Balletttänzer auf High Heels sehen wollte, der wird nicht nur davon begeistert sein.
Adagio Hammerklavier in einer besonders langsam gespielten Beethoven-Interpretation von Christoph Eschenbach glänzt mit stilvoller klassischer Moderne. Drei Tanzpaare bewegen sich in diesem Ballett von Hans van Manen mit ausgesprochener Eleganz, Anmut und Stolz. Die Frauen wirken zart und unschuldig, die Männer kraftvoll und fordernd. Ihr Tanz in der Gruppe lässt Zuschaueraugen strahlen, denn jeder Schritt und jede Bewegung sind von perfekter Synchronität geprägt. Jedes einzelne Paar tanzt einen Pas de deux und wir erleben unterschiedliche Charaktere, denen es jeweils gelingt, den Bewegungszauber in Träume zu verwandeln. Auch hier der Blick auf eine pur gestaltete Bühne mit einem wehenden bläulichen Tuch, vor dem sich die Tänzerinnen in knielangen Tüllkleidern und die Tänzer in engen Hosen und nacktem Oberkörper mit schwebender Leichtigkeit sehnsuchtsvoll bewegen.
„SH-Boom!“ von Sol León & Paul Lightfoot begeistert mit Wohlfühltanz auf einer musikalischen Zeitreise. Der Zuschauer erlebt episodische Tanzeinlagen mit Revue-Charakter, die von stimmungsvoller amerikanischer Musik der 20er bis 50er Jahre begleitet werden. Die oftmals dunkle Bühne wird von Lichtkegeln erhellt und macht Raum für ein ungemein charmantes und humorvolles Tanzstück. Die Tänzerinnen in schwarzen Kleidern und hochgesteckter Dutt Frisur, die Männer in weißer Feinripp-Unterwäsche mit Kniestrümpfen. Dieser Kontrast spiegelt sich oberflächlich auch im Tanz wieder: Die Frauen eher streng und überlegen, die Männer eher belustigend und komisch. Doch der Schein trügt: Dahinter verbirgt sich mehr und am Ende überlegt sich jeder Zuschauer selbst, inwieweit diese stereotype Fassade aufrechterhalten werden kann. Beste Unterhaltung und Spannung sind dabei garantiert.

Weitere Informationen zu b.31

Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

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