Gisela Miller-Kipp über b.31

„Life could be a dream“ – mit diesem Ballett allemal

b.31 ist für mich eine der gelungensten, weil auch ausgewogensten Ballettvorstellungen der Deutschen Oper am Rhein – alle drei Stücke sind grundverschieden, aber einander ebenbürtig an tänzerischem Können, choreographischer Raffinesse und Musikalität. Die Musik wird durchgängig eingespielt, dabei schwankte und schepperte der Ton gelegentlich, die Soli aber klangen brillant. – Das erste Stück: „Obelisco“, von Martin Schläpfer 2007 für das ballettmainz geschrieben, ist hier neu einstudiert. Es präsentiert Bewegungsstudien in sieben musikalisch grundverschieden markierten Nummern. Zwei davon faszinierten mich besonders: eine Vorführung in Zeitlupe auf „il tempo con l’obelisco“ von Salvatore Sciarrino, die einen (zu)sehen lässt, wie Bewegung aus der Körpermitte heraus entsteht, grandios getanzt, allen voran von Marlúcia do Amaral. Absolut „spitzenmäßig“ tanzt sie auch in einem weiteren Stück, einem Solo, das Gangarten vorführt, dabei sieben Minuten ohne abzusetzen in Linien auf der Spitze – nicht zu fassen! –, ein Bravourakt, der symbolisch mit abgeknickten Füßen endet. Noch ein weiteres Solo beeindruckte mich sehr: eine Choreographie von Schuberts wehmütiger Sopranarie „Du bist die Ruh‘“, mit vollendeter Körperbeherrschung kongenial getanzt (Marcus Pei) und dazu wunderbar gesungen (von wem?). – Zur meisterlichen Vorführung tragen auch Bühne und Kostüme bei (Thomas Ziegler). Die Bühne ist ein Halbdunkel mit lang herabhängenden schlanken Stäben, die matt glänzen und gelegentlich blitzend funkeln wie der durchsichtig-dunkle Bühnenhintergrund, passend dazu dunkelfarbig glitzernde Trikots und Kleidchen; sehr schön. – Ach ja, was ich noch bemerkenswert fand: die Plateaustiefel in schwarzem Lack, auf denen im ersten Stück, und die überaus hohen High-Heels ebenfalls in schwarzem Lack, auf denen von Tänzerin und Tänzer (Yuko Kato, Friedrich Pohl) im letzten Stück getanzt wurde, dort langsam und kontrolliert-elegant auf „Komm mit mir ins Chambre separée“. Das hatte großen Charme, und im Übrigen waren große Könner auf der Bühne – keine Standunsicherheit nirgends.
Das zweite Stück, „Adagio Hammerklavier“, choreographiert von Hans van Manen, ist ein elegisch-schön getanzter und wunderbar innig-verhalten gespielter Beethoven – Christoph Eschenbach, wie ich später erfuhr –, Musik und Tanz harmonieren also aufs Beste, ein klassischer van Manen eben; und wiederum tragen Bühne und Kostüme (Jean-Paul Vroo) das Ihrige dazu bei. Im Bühnenhintergrund bauscht und wellt sich unendlich fließend ein riesiges Tuch, ein optisches Faszinosum für sich, dazu die Damen in weißem Voile, die Herren in weißen Leggings – freilich gemahnte mich deren gerippte Machart etwas unpassend an lange Unterhosen. – Gegen den überbordenden Einfallsreichtum von „Obelisco“ fand ich das „Adagio“ zuerst wenig spannend, was sich aber zusehends ins Gegenteil wandelte.
Das dritte Stück, „SH-BOOM“ von Sol León und Paul Lightfoot, ist getanztes Vaudeville-Cabaret der 1920iger Jahre, Slapsticks inklusive – temporeich im schnellen Wechsel der Bewegungsmuster und Musikstücke, komisch und derb, amüsant und schräg, ironisch und leicht bitter, dahinter also durchaus auch ein wenig Ernst – insgesamt ein großer Spaß. Der fängt schon vor dem Vorhang an mit einem mechanischen Grinsemann in Endlosschleife (Rubén Cabaleiro Campo) und setzt sich gleich auf der Bühne fort, als Boris Randzio sich im schwarz-weißen Wandelanzug herumspreizt, während er in allen Stimmungslagen von zärtlich-süß bis verächtlich-hasserfüllt sich steigernd zwei Personen beim Namen ruft – „Marscha“ und „George“ – himmlisch. Auch die Kostüme sind eine Nummer für sich: Sie huldigen dem Schwarz-Weiß-Kontrast so, dass die Damen in fließenden schwarzen Kleidern, die Herren hingegen in weißer Unterwäsche Marke Schießer-Feinripp nebst weißen Kniestrümpfen tanzen, nachdem ihnen Anzug und Hemd verloren gingen, ja einmal tanzt einer ganz nackig herum, aber so geschickt und auch so dezent beleuchtet, dass nichts Geschamiges zu sehen ist, bis er sich zuletzt in seitlicher Pose einmal kurz am Zippedäus zipfelt – fand ich zum Schmunzeln. – Getanzt wird energisch-flott und überaus präzis. Dabei sah ich einige überraschende – mir neue – Figuren aus der Akrobatik. Am Ganzen hatte ich meine helle Freude und zum Schluss regnete es gar Glückszettelchen ins Publikum: „life could be a dream“ stand darauf. Wohl wahr, wenn Aufführungen wie diese es verschönern.

Weitere Informationen zu b.31

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

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Ein Gedanke zu “Gisela Miller-Kipp über b.31

  1. Reiner Schmidt 24. April 2017 / 17:25

    Wer hat bei b.31 den Schubert“ gesungen? Habe mein Archiv befragt und stieß auf die Aufnahme von Gundula Janowitz mit Irwin Gage am Flügel. Hoffe, dass ich richtig liege.
    Schwarzkopf + Janowitz.: Martin Schläpfer hat halt auch hier ein gutes Näschen bzw. Ohr. Danke!

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