Jan van de Weyer über b.31

Entschleunigung

Der Abend beginnt mit einer atemberaubenden Wiederaufnahme von Martin Schläpfers „Obelisco“, das er 2007 für das Ballett Mainz kreierte. Tänzerisch und musikalisch ist es ein Stück voller  Diversität und Überraschungen. So reicht die Musik von Mozart, Scarlatti, Heuberger, Schubert, Sciarrino bis zu Marla Glenn und bringt auf wunderbare Weise die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Tänzer zum Ausdruck. Schläpfer zeichnet seinen einzigartigen Kosmos, sowohl aus einer beeindruckenden Physikalität, also auch mit einer Leichtigkeit, die er durch seine ungeheure Abstraktionsfähigkeit generiert. So besteht „Obelisco“ wie ein monumentales Relikt aus vergangenen Zeiten fest verwurzelt in der Erde, vertikal aufstrebend als Maß der Weltordnung. Doch genau dieses Moment wird gebrochen durch die zahlreichen fallenden Momente, die überzeugend durch die Tänzer des Ballett am Rhein verkörpert werden, und bricht auf diese Weise mit dem Monumentalem. Nachhaltig bewegend sowohl das grandiose Solo des jungen Amerikaners Marcus Pei, der durch seine technische Brillianz und Authentizität heraussticht, also auch die Leistung von Friedrich Pohl mit Yuko Kato auf schwarzen Lackstilettos.
Dicht gefolgt von Martin Schläpfer- Hans van Manen mit „Adagio Hammerklavier“ aus Beethovens Spätwerk, das seine Uraufführung 1973 in Amsterdam erlebte. Auf der Bühne begegnen sich drei Paare, wobei die Männer mit Ihren nackten Oberkörpern selbstbewusst und dominant wirken, zeigen sich die Frauen in Ihren zarten weißen Kleidern eher fragil und verletzlich. Die Kulisse beschreibt ein wehender Seidenvorhang im Hintergrund der Bühne. Von der Tanzsprache und Bewegungswelt sind es klassische Bewegungen und Gesten. Thematisch kreist es um Themen wie Partnerschaft, Kommunikation und unsere Sehnsüchte. Ein wunderbares Stück, das zur Entschleunigung in unserem schnelllebigem Zeitalter einlädt. Den Abschluss von diesem abwechslungsreichen Ballettabend gestalten die Spanierin Sol León aus Cordoba und der Brite Paul Lightfoot mit „SH- BOOM!“ nach der Musik von der Band „The Chords“ aus dem Jahr 1954.
So schallt es “Life could be a dream..“ in den Zuschauersaal und die Tänzer verkörpern auf eine leidenschaftliche und spielerische Weise die unterschiedlichen Kulturen und Momente, die auf der Bühne zu erleben sind. Überzeugend bei diesem Werk zum einen die schauspielerische Leistung der Tänzer, sowie die Idee der Wandlungsfähigkeit eines Stücks, da es sich seit 1994 kontinuierlich in einem Status des ‚work in progress‘ befindet.

Weitere Informationen zu b.31

Jan van de Weyer
Bildhauer
„Was Martin Schläpfer hier bewirkt, ist ein Traum“, sagt Jan van de Weyer, der als kleiner Junge selbst Ballett getanzt hat und heute mit einer Tänzerin der Compagnie liiert ist. Er studierte Philosophie und Kunstgeschichte, arbeitete viele Jahre als Physiotherapeut und ist heute als Bildhauer mit eigenem Atelier in Düsseldorf tätig. Die Beschäftigung mit der Oper hat ihn in seiner ersten Spielzeit als Scout dazu inspiriert, Musiktheater in einem größeren Kontext zu betrachten – gern auch im Austausch mit Freunden und Bekannten.

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