Heike Stehr über b.31

Das Leben ist ein Traum

Die Ballettpremiere b.31 stand auf dem Programm des neuen Abends als Scout und zugegebenermaßen freute ich mich ganz besonders auf diese, auf die Ballettcompagnie der Deutschen Oper am Rhein, auf das Erzählen mittels Tanz, Körper, Bewegung, Dynamik und die Geschichten in den Bildern, die dabei gezeichnet werden.

Das erste Stück des dreiteiligen Abends lässt uns eintauchen in Martin Schläpfers Reich aus Poesie, Geheimnis und Vielfalt. Wie in einer Collage setzt Schläpfer ein spannungsreiches Bild aus sieben heterogenen Musiken zusammen von Marla Glenn bis Mozart, von mir-vertraut bis mir-ganz-neu und nennt es „Obelisco“. Doch „in Stein gemeißelt“ ist hier gar nichts. Nicht einmal das Stück selbst, das 2007 für das ballettmainz entstand und nun 10 Jahre später neu einstudiert und grundsätzlich überarbeitet wurde. Martin Schläpfer sagte dazu selbst im Interview: “ … man muss die Glut wieder entfachen, damit eine Arbeit leuchtet … Man muss jede Kreation wieder neu texten. Man arbeitet mit andern Tänzern, anderem Licht, anderer Bühne. Das ist fast mehr Arbeit als eine neue Choreografie.“ Und diese Arbeit mit den Tänzern der Deutschen Oper am Rhein ergibt eine Kreation, die überzeugt und in den Bann zieht. So verschieden wie die Musiken sind die Tanzereignisse, besonders berühren mich die beiden Solotänze. Marcus Pei tanzt eindrücklich zu Schuberts „Du bist die Ruh“ und Marlúcia di Amaral zeigt 7 Minuten Spitzentanz bewegt-bewegend zu „Anâgâmin“ von Giacinto Scelsi. Hinterlegt sind alle Stücke von einem sparsamen Bühnenbild, verbunden durch verschiedene Kostüme aus dem gleichen Spitzenstoff, auf dem das Licht mit tanzt, und durchzogen von der virtuosen Bewegungskunst der Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie.

Nach der ersten Pause erklingt das Adagio aus Beethovens Sonate Nr. 29 für das Hammerklavier in einer extrem langsamen Einspielung von Christoph Eschenbach. Und das, was Hans van Manen 1973 tänzerisch dazu kreierte, ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Balanceakt, ein Tanz am Rande des Gleichgewichts … als ob sich ein Pendel immer wieder ganz langsam zum Umkehrpunkt bewegt und dort gleichsam anzuhalten scheint … so fühlen sich in mir die Bewegungen der Tänzer an, voller Virtuosität und Behutsamkeit. Drei Paare tanzen auf Spitzenschuhen, gemeinsam, in Gruppen und jedes seinen eigenen Pas des deux, das ist bestechend schön und tief berührend. Im Hintergrund wellt sich ein blass blaues Tuch im Luftzug, fragil und melancholisch wie der Tanz, und mit dem Hin und Her des Pendels zieht in mir die vollkommene Ruhe ein. Eigentlich möchte ich jetzt genau da bleiben.

Aber nach einer weiteren Pause folgt ja noch „SH-BOOM!“ von Sol León und Paul Lightfoot. Das Stück irritiert mich zunächst mit fratzenhafter Ironie und slapstickhaftem übertriebenem Humor. Populäre Hits der 20er bis 50er Jahre reißen mich aus meinem klassischem Ballettzauber und wollen mich mit schmissiger Musik in eine ganz andere Richtung des Tanzens locken. Mit vielfältigen tänzerischen Mitteln bei hohem Tempo und gleichzeitiger Präzision und Genauigkeit der Bewegungen agiert die Compagnie in diesem „Revuetheater“. Spätestens in dem Moment, in dem vier Tänzerinnen in vier Lichtkegeln synchron tanzen, packt mich dann auch das letzte Stück des Abends mit seiner Lebendigkeit und Energie. „Life could be a dream“ versprechen der titelgebende Song des Stücksund die kleinen Zettelchen, die zum Finale auf uns hinab flattern. Aber warum nur steht das in Konjunktiv, frage ich mich … Das Leben ist ein Traum, wenn man einen solchen Ballettabend erleben darf.

Weitere Informationen zu b.31

Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

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