Gisela Miller-Kipp über b.32

Eine Messe zum Niederknien, ein grandioses Hochamt für Ballett

Zunächst einmal war die „kleine feierliche Messe“ („petite messe solennelle“) von Giacomo Rossini für mich allein seligmachend: 16 liturgische Gesänge, einer melodiöser als der andere – innig und fröhlich, zart und (auf)brausend, nirgends wuchtig, dennoch getragen-fromm – dies in allen vier Stimmen (Morenike Fayadomi, Katarzyna Kuncio, Corby Welch, Günes Gürle) betörend gesungen und vom kleinen Chor der Deutschen Oper am Rhein überaus präzis begleitet (Dirigat: Axel Kober) – zum Niederknien. Dazu nun zelebrierte Martin Schläpfer mit seinem Ballett ein eigenes Hochamt: 16 existentielle Szenen, ungemein assoziationsreich: Glaube, Liebe, Hoffnung, Tod und Trauer, Verzweiflung, Raserei, Hingabe und Demut, die Leichtigkeit des Seins, Unanständigkeit und heiliger Ernst … . Dem offenen Deutungshorizont der Choreographie diente die Bühne (Florian Etti) kongenial: sie war eine Offerte an die Raumphantasie, konnte Kirche sein und Kreuzgang oder Arkaden, Kaschemme, Piazza und offenes Feld – ein hoher geometrischer Raum, elegant geteilt durch Rundbogen, Ellipse und Parabel, alles in Grautönen unterschiedlich hell, gelegentlich blau (Glaubensfarbe) ausgeleuchtet – auch sehr schön. Als einzige stehende Requisite eine Reihe von Stühlen – zum Sitzen, Stehen, Liegen, werden auch herumgeschoben, ziemlich funktionslos, wie mir schien, es sei denn, um Geräusch zu erzeugen. – In diesem Raum also und mit diesen Stühlen tanzt nun ersichtlich „einfaches“ Volk“: Arbeiter, Bauern, Handwerker, Haus- und Marktfreuen in typischer Standeskleidung (1940er/56er Jahre, gedeckte Farben) – Menschen wie Du und ich? – Sie tanzten sich die Seele aus dem Leib, ob Solo, ob in Paarungen, ob als Ensemble – leidenschaftlich und hingebungsvoll und sehr fesselnd. Immer noch trage ich Eindrücke, Bilder mit mir herum, so die der zwei „running figures“: der Pfarrer, der frömmelnd durch alle Szenen agiert und sich derb auch einmal selbst versucht, und die hadernde Frau, die zum „Crucifixus“ auf die Bühne kommt, die Arme schwer und flügelähnlich mit Rosenkränzen behangen; sie tanzt einen Glaubenskampf (Camille Andriot), ein Stuhl dient ihr als Beichtstuhl, und auf dem bleibt sie zuletzt sitzen, auf der Vorderbühne, und hadert dort mit ihren Rosenkränzen bis zum 11 Gesang („et vitam venturi saeculi“); dann ist sowieso Pause – schade. Ich fand die Pause abrupt und hätte sie gut missen können.

Aber vielleicht braucht man auch Entspannung – den ganzen Sprachreichtum der tanzenden Körper, die Fülle des szenischen Ausdrucks dieses Balletts kann man, konnte wenigstens ich nicht an diesem einen Abend (er)fassen; ich werde deshalb gewiss noch einmal hineingehen – auch für die Szenen, die mich besonders beeindruckten oder beschäftigten, nämlich, zu den oben beschriebenen, besonders noch: der rasante Gottesdienst-Stomp im „Gloria“ (zweiter Gesang) oder Revolutionsballett und Geißelung im Agnus Dei (dritter und vierter Gesang: „gratias agimus tibi“, „domine deus“) – beide Szenen haben Hintersinn: Zunächst stürmt ein Trupp im Stile des kommunistischen Propagandaballetts auf die Bühne, trägt Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett und schwenkt rote Fahnen. Auf denen sind aber nicht Hammer und Sichel zu sehen, nein, vielmehr das runde Gesicht von Papst Johannes Paul II.! Als die kämpfenden Revoluzzer endlich am Boden liegen, strömt Landvolk herein mit Brot und Wein und ganzen Schinken, die ländliche Idylle wird aber alsbald zur Prügelei – mit Brot und Schinken! –, dann geißelt man sich mit den Schinken – jetzt denke ich: es sind vielleicht Lammschlegel? –, zuletzt werden die Schinken oder Lammschlegel obszön zwischen die Beine gesteckt – nun ja; Blasphemie gehört auch zum religiösen Leben. – Stark auch der letzte Gesang („agnus dei“) mit einem bezwingenden Solo von Marlúcia do Amaral: beginnt mit einem ekstatischen Veitstanz, endet entrückt und innig flehend mit „dona nobis pacem“, „Herr, gib uns Frieden“. – Die tiefe Sehnsucht danach kann diese Messe entfachen.

Weitere Informationen zu b.32

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

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