Christoph Grätz über „Don Carlo“

Trotz guter Zutaten, etwas fad

Eigentlich hat diese Oper alles was es braucht, persönliche Dramen, familiäre Konflikte, politische Verwicklungen und Intrigen, Liebe, Leidenschaft, Hass, Verrat, Verzweiflung und jede Menge Pathos und das auch noch mit großartiger Musik versehen. Und doch ist der Funke bei dieser Inszenierung von Verdis „Don Carlo“ bei mir nicht übergesprungen. Mich hat die herzzerreißende Geschichte des jugendlichen Infanten von Spanien, der seine Stiefmutter liebt, nicht wirklich berührt. Vielleicht lässt sich dieser Opernabend am besten mit einem Teller Pasta vergleichen, bei dem zwar alle Zutaten stimmen, und doch die Nudeln verkocht und die Gambas trockengebraten sind.
Ich hätte mir gewünscht, dass die Zerrissenheit der Charaktere, vor allem Don Carlos und Elisabettas packender rübergekommen wären. Die Dilemmata von politischen Interessen und Pflichterfüllung einerseits, Liebe, Leidenschaft und Verlangen andererseits, hätten dramatischer sein dürfen. Ich habe echte Spielfreude bei den Sängerinnen und Sängern vermisst. Da gab es Szenen, etwa wenn König Filippo II. seinen Sohn Don Carlos versucht zu bezwingen, die für meinen Geschmack zu sehr auf den gesanglichen Part konzentriert waren. Solche fast gewalttätigen Momente brauchen einfach vollen Körpereinsatz um glaubwürdig zu wirken.

Mir war die Inszenierung zu statisch. Der wirklich tolle Effekt des Bühnenbildes, das über die gesamten drei Akte fast gleich blieb – lediglich einige Elemente wurden über den Schnürboden heruntergelassen – nutzte sich trotz interessanter Lichteffekte über die drei Stunden doch ab. Auch bei den Kostümen hätte ich mir eine konsequentere Linie gewünscht. Die an Karneval erinnernden Eselsohren der flandrischen Gesandten, wirkten auf mich etwas albern.

Positiv war, wie gut die Stimmen der Sängerinnen und Sänger bei den mehrstimmigen Partien harmonierten. Die Stimmen waren alle gut; überragend fand ich aber keinen der Sänger, auch darstellerisch nicht. Am präsentesten vielleicht, war Liang Li als König Filippo II., der durch seinen kräftigen Bass die auch darstellerisch größte Präsenz erreichte, neben Sami Luttinen. Als Großinquisitor hat er diese Rolle mit der richtigen Gravität und emotionalen Kälte ausgefüllt. Besonders eindrucksvoll, das Duett mit König Philipp indem allzu deutlich wurde, wer zu dieser Zeit wirklich das Sagen hatte. Der Konflikt zwischen weltlicher und klerikaler Macht war eine zentrale politische Botschaft des Abends. Aber auch König Filippo war bei aller Härte seinem Volk – und vor allem seinen Sohn gegenüber – ein verletzlicher Mensch. Der für mich stärkste Moment des Abends war die Arie des Königs, in der er erkennt, dass Elisabetta ihn nicht liebt.

Don Carlo, in Liebe für deine Stiefmutter entbrannt, verschreibt sich aus Verzweiflung dem Freiheitskampf der Flamen. Er setzt seinem Verlangen, seiner Leidenschaft und Liebe zu Elisabetta die Erfüllung der fast heiligen Pflicht entgegen, die Befreiung des unterdrückten Volkes anzuführen. Was den beiden Liebenden am Ende bleibt, ist die Hoffnung auf eine Vereinigung im Jenseits. Welche Tragik, die ich in dieser Inszenierung aber nicht wirklich gefühlt habe.

Fazit: Für Verdi-Liebhaber lohnt der Abend schon musikalisch, die Inszenierung hat Schwächen.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“

Christoph Grätz
arbeitet für die Stabsstelle Kommunikation bei der Caritas
Wenn es sie nicht schon gäbe, bäte er Gott sie zu erfinden: die Musik. Als Sänger im philharmonischen Chor Duisburg, als ungeduldiger Akkordeonschüler und begeisterter Tangotänzer füllt Christoph Grätz seine Freizeit mit viel Musik. Als Öffentlichkeitsarbeiter für die Caritas darf er in seiner Arbeit zwar auch kreativ werden, aber fast nie musikalisch. Als Scout entdeckt er nun Oper und Ballett und freut sich, etwas davon mitteilen zu dürfen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s