Isabell Boyer über b.32

Ein gefährliches Spiel

 Martin Schläpfers tänzerische Umsetzung der „Petite Messe solennelle“ ist so facettenreich und vielschichtig, dass es für ein ungeübtes und unvorbereitetes Auge kaum zu erfassen ist. Als ich zur Premiere der Uraufführung das Opernhaus erreichte, stellte ich mich auf etwas Frisches, Aufregendes ein und wurde nicht enttäuscht. Allerdings fand ich nicht so schnell den Zugang zum Tanz, wie es sonst bei mir der Fall ist. Ich musste mich von Partitur zu Partitur hangeln, die Assoziationen in regelmäßigen Abständen festhalten und anschließend wieder loslassen – ein gefährliches Spiel.
Ähnlich gefährlich, dramatisch und aufregend verkörperten die Tänzer den Konflikt zwischen Glauben und Alltag, Trieb und Bedachtheit, dem Willen der Gruppe und dem Wunsch des Einzelnen. Schläpfers Tanz ist so präzise, wie er abstrakt ist: Man sieht so Vieles und doch auch nicht. Beim ersten Hinschauen muss man genießen, sich berauschen lassen, dem hypnotischen Gesang folgen und sich von der Musik mitreißen lassen. Wer genau hinhört, erkennt bekannte Stimmen aus Opern wie „Turandot“ und „Arabella“, fühlt die Intensität des Chors und lässt sich von den Instrumentalsolisten in ihren Bann ziehen. Rossinis Musik ist melancholisch schön, perfekt umgesetzt im Arrangement des Balletts am Rhein. Im Tanz geht es dagegen wild zu. Abgehackte, triebhafte Bewegungen treffen auf fließende, voll ausgetanzte. Es wirbelt und kriecht, es stampft und schleicht – die gesamte Compagnie ist Teil des beeindruckenden Spiels.

Zuletzt bleiben in meinem Kopf so viele Fragen zurück. Was hat es mit der Marienfigur auf sich, die sich durch die Inszenierung zieht? Gewinnt die Liebe oder der Druck der Gesellschaft? Sind die Menschen gezwungen, ihre Triebe und Intuitionen zu unterdrücken oder gibt es einen Weg, Glauben und Leben miteinander zu vereinbaren? Die Fragen sind noch bis heute in meinen Gedanken und drängen nach Auflösung. Ein zweiter Besuch ist auf alle Fälle empfehlenswert, um das eine oder andere besser verstehen, aus einer anderen Perspektive sehen zu können. Wundervoll werden auch die Aufzeichnungen des Balletts sein. Die Akteure in ihrem vollen Glanz sehen zu können, jeden Gesichtsausdruck und jede Poesie in Nahaufnahme sehen zu können, wird ein neues Licht auf „Petite Messe solennelle“ werfen.

Weitere Informationen zu b.32

Isabell Boyer
Studentin
Auf Isabell Boyer sind wir durch einen Text aufmerksam geworden, den sie als „Operntester“ über Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ geschrieben hat. Die eingehende Beschäftigung mit dem Stück hat uns neugierig gemacht auf mehr. Isabell Boyer studiert Germanistik und Anglistik in Essen. Sie singt selbst in Pop- und Rockbands und hat 6 Jahre lang Theater in einer Laiengruppe gespielt. Die Opern- und Ballett-Erlebnisse in ihrer ersten Spielzeit als Opernscout inspirierten sie dazu, freier zu denken und ihren Horizont zu erweitern.

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