Uwe Schwäch über b.32

Getanzte Gefühle in einer sakralen Musikwelt

Im neuesten Ballett von Martin Schläpfer erleben wir die Zusammenführung einer katholischen heiligen Liturgie mit Zügen einer erzählten und dennoch abstrakten Handlung. Musikalisch wird der Zuschauer in das Jahr 1863 entführt, in dem Rossini die Messe „Petite Messe solennelle“ komponiert hat. Der musikalische Kontrast zu der modernen, filigranen und technisch ästhetischen Tanzsprache von Schläpfer bildet eine Herausforderung und bisweilen entsteht eine Bild-Musik-Schere, die den Zugang zu diesem Ballett erschwert.

Dabei gestaltet sich das Setting auf der Bühne sehr ansprechend: Sakrale Säulen unterstreichen den religiösen Charakter und vermitteln gleichzeitig die Atmosphäre eines Marktplatzes in Südeuropa. Buntes Treiben erzeugt Vielfalt und Abwechslung, wenngleich nicht alle Szenen in ihrer Bedeutung überzeugen. Die vom Schicksal geprägten und dennoch zeitlich eleganten Kostüme ergänzen das Bild und hinterlassen einen insgesamt starken visuellen Eindruck. Die somit erzeugte Schlichtheit lässt Raum für den Tanz. Schläpfer inszeniert Menschen mit echten Gefühlen und unterschiedlichen Charakteren. Ob alleine, zu zweit oder in unterschiedlichen Gruppierungen, dem Zuschauer werden sehenswerte tänzerische Umsetzungen zeitgenössischer Ballettkunst mit technischen Finessen geboten. Den Tänzerinnen und Tänzern gelingt es, ein Spektrum sozialer Konstruktionen und Emotionen aufzubauen. Wir nehmen Teil an Zuneigung, Spiel, Spaß und Geselligkeit, erleben aber auch psychologische Konflikte wie Eifersucht und Isolation. Trotz der Brüche zwischen Tanz und Musik addiert diese eine besondere, über den sakralen Moment hinausgehende Stimmung. Die vier Stimmen Sopran, Alt, Tenor und Bass singen gemeinsam mit dem Chor feierlich und durchdringen das Opernhaus (trotz der Tatsache, dass Sie im Orchestergraben sind). Die Instrumentierung ist ausgesucht und authentisch: Die zwei aus der Kompositionszeit stammenden Klaviere sowie ein Harmonium schaffen einen authentischen, kontemplativen und gedämpft stimmungsvollen Musikrahmen, der zwar nicht an den bekannten Rossini erinnert, aber dennoch ein musikalischer Ohrenschmaus ist. Beide Herzstücke dieses Ballettabends – Tanz und Musik – sind sehen- und hörenswert. Leider treffen sie sich nicht immer in der gewünschten harmonischen Verbindung.

Weitere Informationen zu b.32

Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

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