Heike Stehr über „Don Carlo“

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Zwischen Sehnsucht und Pflicht

Ein Samstagabend im Juni in der Oper in Duisburg am Rhein, „Don Carlo“ stand auf dem Programm. Verdis düsterste Oper … hatte ich irgendwo gelesen, aber in der Inszenierung von Guy Joosten strahlte zunächst einmal das Bühnenbild, eine Adaption des Renaissancepalastes „dei Diamanti“ von Ferrara. Die Räume veränderten sich ständig, die Wände schwebten hinein oder heraus, sie wurden glänzend oder gaben Durchblicke frei, die Farben changierten, das Licht spielte mit … das war optisch sehr reizvoll vom Bühnenbildner Alfons Flores arrangiert. Die Kostüme verwirrten mich ein bisschen … zwischen historisch und modern war das ausgestattet, irgendwie unentschieden und ich erkannte darin kein Konzept außer „schön anzusehen“.
Dabei wollte Guiseppe Verdi, der keine andere seiner Opern so häufig verändert, gekürzt und neu gefasst hat wie diese, garantiert viel mehr. Der Stoff handelt von Freiheit und Freundschaft, von Liebe und Verzicht, von Verrat, Eifersucht und einer gestörten Beziehung zwischen Vater und Sohn auf der menschlichen und von Staat, Politik, Kirche und Inquisition auf der politischen Ebene. Die beiden Ebenen sind durch private und politische Intrigen durchaus spannend verknüpft und auch der Fakt, dass schon Verdi drei verschiedene Schlussfassungen lieferte zeigt, die Komplexität des Themas.

Die Musik stellte das absolute Highlight des Abends dar, ausdrucks- und stimmungsstark, die Personen fein charakterisierend, inhaltliche Zusammenhänge über die Melodien unterstützend, das Geschehen tragend. Die Duisburger Philharmoniker unter Lukas Beikircher gaben, sich selbst passend zurückhaltend, den Sängern genug Raum an den richtigen Stellen und spielten dennoch präsent und den verdischen Kosmos ausfüllend. Dazu kamen die starken Stimmen der Solisten, von denen mir Gianluca Terranova und Celine Byrne am meisten im Gedächtnis blieben. Besonders ihr Abschiedsduett ging mir musikalisch unter die Haut: „Wir sehen uns wieder in einer besseren Welt, schon schlägt für uns die erste Stunde der Ewigkeit …“
Der musikalisch überzeugende Abend ließ mich regietechnisch gesehen allerdings mit einigen Fragen zurück. Zum Glück waren wir in der Einführung und hörten dort, dass Guy Joosten den historisch belegten Fakt, dass der Infant von Spanien geistig eingeschränkt war, in die Person des Don Carlos einfließen lässt. So ließen sich die Brüche in Gianluca Terranovas Interpretation der Figur gedanklich integrieren, erzeugten andererseits aber auch den Zweifel in mir, ob dieser Carlos Flandern jemals würde retten können, und nahmen dem Stück damit von seiner politischen Dimension. „Der Fokus liegt auf der privaten Geschichte“ sagt der Regisseur im Interview und das fand ich schade. Denn wie sich bei Verdi Mächtige, Liebende und Freiheitsliebende einer allmächtigen und gefährlichen verführerischen religiösen Kraft, in diesem Falle der Inquisition, beugen müssen, das hat Potential und eine Aktualität, die mir in dieser Inszenierung zu wenig ausgelotet wurde. Das Autodafé empfand ich als aussageschwächste Szene. Religiöser Fanatismus und falsche Ideale, eine stets tödlich drohende geistliche Macht … da wäre mehr drin gewesen.
Andererseits haben mich die „private Geschichte“ und deren Umsetzung durchaus in ihren Bann gezogen. Die menschlichen Verstrickungen und Ränke, das Wanken zwischen den eigenen Wünschen und der Pflicht, zwischen dem Freiheitsideal und dem Taktieren, zwischen Sehnsucht nach Freundschaft und Herrschersein hat die Inszenierung mir durchaus glaubhaft und ergreifend vermittelt und mich damit gut und kurzweilig unterhalten.

Weitere Informationen zu „Don Carlo“

11.11.2016 , DU Duisburg , Opernscouts , Deutsche oper am Rhein , Theater Duisburg , Stadttheater.Heike Stehr
Erzieherin
Kunst spielt in Heike Stehrs Leben eine große Rolle: Neben ihrer Arbeit als Erzieherin in einer KiTa macht sie eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin und betreibt den Blog http://kunstlebendig.blogspot.de. Sie besucht besonders gerne Ausstellungen, Programmkinos, Theaterstücke, Konzerte und Ballett. Auf den Bereich Oper, der für sie weitgehend Neuland ist, ist sie aber sehr gespannt. Sie freut sich, als Opern- und Ballettscout Kunst erleben und ihre individuellen Eindrücke an andere weiter geben zu können.

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