Roland Schüren über „Das Rheingold“

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Schwülstiges Gedünst hilft mir durch die Länge

My first Wagner. Das Rheingold. Ein Premieren-Erlebnis der besonderen Art.
Bei „Otello“ habe ich erstmals erlebt wie es ist, sich im „Flow“ der Oper zu befinden: Man braucht die Obertexte nicht mehr mitlesen, Musik, Gesang und Schauspiel werden eins und diese geballte, dreifache Macht nutzt beide sinnlichen Eingänge maximal, um mich vollends zu fesseln und zu beeindrucken. – Was für eine Wirkung! Und jetzt bei Wagners Rheingold? Es wird deutsch gesungen, nicht italienisch, das sollte dann doch auch klappen. Bestimmt sogar noch besser als bei Otello…
Ein zuerst sehr stimmungsvoller Beginn mit dem ruhig agierenden Loge, die drei Rheintöchter heiter und unterhaltsam, mit einem grandiosen Alberich. Super! – Aber dann folgt ein ellenlanger Mittelteil – so nenne ich diese zentrale Phase mal – der mich wirklich kämpfen lässt. Bin ich da wirklich gerade eingenickt? Unglaublich! Ich versuche mich zu konzentrieren, der Handlung und den Darstellern zu folgen, fast zwanghaft. Es will einfach nicht klappen, mit mir und der Inszenierung. Ich überlege, ob ich meine Begleitung um das Programmheft bitte, um noch einmal die Handlung und die agierenden Personen nachzuschlagen, damit ich besser folgen kann. Dazu fehlt mir in diesem Moment jedoch die Traute, diese Blöße möchte ich mir nicht geben. Ich habe mich zwar zuvor bereits kurz eingelesen und auch die Einführung besucht, trotzdem komme ich aber nicht ganz mit. Warum? – Ich kann viele der einzelnen Protagonisten einfach nicht automatisch erkennen und auch nicht der Handlung zuordnen. Das funktioniert bei Alberich, den Rheintöchtern, Wotan und später auch bei den Riesen Fasolt und Fafner, nicht aber bei dem Rest des Ensembles. So kann ich zum Beispiel Mime, Erda, Froh und Donner nicht dem Handlungsstrang zuordnen. Sie stehen immer nur irgendwo rum oder tauchen plötzlich auf. Für mich wirklich zusammenhanglos. Hinzu kommt, dass ich deren Kostüme ziemlich langweilig finde und diese sich sehr ähneln. Wegen dieser Dinge müssen mir die peinlichen Kopfnicker in dem langen, langen Mittelteil wohl passiert sein.
Im Gegensatz dazu: Wagners Musik. Das ist der Hammer! Sie würde mir alleine schon reichen, auch wenn das ja nun explizit nicht so von ihm gewollt ist. Großes Lob an Axel Kober und die Düsseldorfer Symphoniker. Hinzu kommt Wagners einzigartige Sprache. Zusammen mit der Musik hat Sie mich  gerettet und den Mittelteil besser ertragen lassen können. Die Formulierungen und Satzstellungen, die dem Zuhörer und Leser Konzentration abfordern, um deren Aussagen in Ihrer ganzen Breite und Tiefe erfassen zu können – klasse! Es macht wahnsinnigen Spaß, mit zu lesen und sich an der phantastischen Wortwahl Wagners zu ergötzen. Zunehmend bemerke ich, dass sich an meinen Mundwinkeln ein durchgängiges Lächeln festgesetzt hat und der Stress des Handlung-verfolgen-Wollens verflogen ist. Ich habe meinen Weg gefunden dieser Inszenierung doch noch was abzugewinnen: Einfach nicht hinschauen, die phantastischen musikalischen Leistungen genießen und dabei nur diese niveauvoll-spaßigen Obertexte mit Tiefgang lesen. So schaffe ich es doch noch gut gelaunt die geschätzten 75% des für mich einschläfernden Mittelteils der Inszenierung zu überstehen und nach dem vielversprechenden Beginn, auch noch ein versöhnliches Ende zu erleben.
Nach dem langen Applaus für das Ensemble, Axel Kober und die Symphoniker, gab es Buhrufe für die Inszenierung. – Vielleicht ging es heute ja noch mehr Opernbesuchern so wir mir blutigem Wagner-Anfänger. Denn das habe ich bei dieser wohl ausverkauften Premiere und auch in den folgenden Gesprächen mit anderen Opernscouts, Freunden und Bekannten gelernt: Es gibt eine wirklich riesige Wagner Fangemeinde mit wahnsinnig umfangreicher Erfahrung und Sachverstand. – Die äußern ihre Meinung klar und unverblümt.
My second Wagner wird dann die Walküre.

Weitere Informationen zu „Das Rheingold“

Opernscout Roland Schüren

Roland Schüren
Inhaber der Bäckerei „Ihr Bäcker Schüren“
Bereits in vierter Generation führt Roland Schüren den Familienbetrieb „Ihr Bäcker Schüren“ mit Hauptsitz in Hilden. Mit seinem Anspruch an Qualität, Produktvielfalt und Nachhaltigkeit gilt er als einer der besten und innovativsten Handwerksbäcker in Düsseldorf und der Region. Ihm und seinen Bäckern macht es Spaß, alles selbst herzustellen – ohne Fertigmischungen und Massenproduktion, dafür mit viel Zeit und handwerklichem Können. Da gibt es Parallelen zu unserem Opern- und Ballettbetrieb …

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