Gisela Miller-Kipp über „Das Rheingold“

Eine überwiegend biedere Inszenierung, großartig gesungen und gespielt

Bei Wagners „Ring“ bin ich gespalten: die Musik finde ich zum Niederknien, die angestrengt stabreimelnde Sprache zum Davonspringen; unabhängig aber von der sprachlichen Fassung ist der „Ring“ in Text und Musik eine gewaltige mythologische Erzählung; im „Rheingold“ nimmt sie ihren Anfang. Alle Handlungselemente des „Ring“ – Liebe und Tod, Neid, Hass, Besitz- und Machtgier, Lug und Trug und Mord und Totschlag, dazu die musikalischen Leitmotive der nachfolgenden drei Teile des „Ring“ sind hier schon angelegt – dem wird die Inszenierung von Dietrich W. Hilsdorf nicht gerecht. Sie ist realistisch im Halbweltmilieu angesiedelt, das treibt dem Musikdrama die Fantasie aus und verniedlicht es; ich habe mich streckenweise gelangweilt. Dabei beginnt die Aufführung hinreichend spannend und mit einer hübschen Anspielung auf den Rhein und auf den Aufführungsort Düsseldorf: Vor blutrotem Vorhang, die Bühne eingerahmt von bunten Glühbirnen, zitiert ein Mann – später stellt sich heraus: es ist Loge, der listige Sohn Wotans, als solcher steckt er passend in einem dunkelrot-gleißenden Anzug – die erste Zeile von Heinrich Heines Loreley: „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …“. Zum berühmten Auftaktakkord – Es-Dur (!) –, wunderbar zart-schwebend gespielt, entzündet er dann zwei Lichter, hernach schenkt er sich ein feurig-rot funkelndes Glas Wein ein. Das fand ich einen viel versprechenden Anfang. Dann hebt sich der Vorhang, und ich bin enttäuscht. Man blickt in einen wenig inspiriert gebauten, spärlich ausgestatteten Spielsalon – 19. Jahrhundert oder auch ein Western-Saloon; dafür spricht die steile Feuertreppe links ins Nirgendwo, die man im europäischen Spielsalon nicht findet, in allen Western aber führt eine Treppe in die Gast- und Hurenzimmer; freilich fehlte bei dieser Sicht des Bühnenraums die typische Bar – egal.
Dieser langweilige Salon (Bühne: Dieter Richter) ist der Hauptort des Geschehens; dort passiert nicht viel. An seinen drei mit grünem Samt beschlagenen Rundtischen wird je nach dem posiert, geschlafen oder auch nur herumgehockt, gebechert, Karten gespielt und Butterbrot verzehrt. Dazu läuft als optische Bereicherung im Bühnenhintergrund diffus ein Film, der entweder das Bühnengeschehen zeitversetzt wiedergibt oder Himmel mit weißen Wolken und ganz zuletzt Walhalla, die Götterburg, um deren Bezahlung sich das Ganze dreht. – Die realistische Rauminszenierung bringt manche Ungereimtheit, manches Unverträgliche oder mir Unverständlichemit sich. Im 1. Bild etwa hasten die drei Rheintöchter (Anke Krabbe, Maria Kataeva, Ramona Zaharia) als verführerische – mäßig obszöne Posen – und, nebenbei, sehr attraktive Kokotten (Kostüme: Renate Schmitzer) von anno dazumal die besagte Feuertreppe rauf und runter, singen dabei aber glücklicherweise unangestrengt und ‚lupenrein‘ – der sportlichen Leistung ist eigens Respekt zu zollen. Alberich, der bösartige Zwerg vom Volk der Nibelungen, stolpert ihnen als lüsterner Tölpel hinterher. Dass es um Gier, um Gold geht, erfährt man durch wabernden Goldnebel, wozu die Rheintöchter singen: „Sieh wie selig im Glanze wir gleiten“; sie sitzen dabei jedoch gut gelaunt am Salontisch und prosten sich zu! – Im 2. Bild wird Wotan von seiner Gemahlin Fricka im Rollstuhl unter einem Schleier sitzend hereingeschoben, den Schleier hebt sie zu dem Ruf „Wotan, erwache!“ auf – fand ich eher komisch. Und wenig, eigentlich gar nicht beeindruckend treten Fasolt und Fafner auf, die beiden Riesen, die die Götterburg erbaut haben. Sie tragen Zimmermannskluft, doch untypisch für diese mit schwarzem Zylinder – das macht die Figuren größer, irritiert aber, ich dachte an Schornsteinfeger. So kostümiert, sind die Riesen irdisch-harmlos, nicht sagenhaft gewaltig, zumal sie ausführlich und bis zum Finale tun, was Handwerker zu tun pflegen, nämlich vespern: Trinken und Brot verzehren.
Eine beeindruckende Rauminszenierung ist das 3. Bild: Nibelheim, die Unterwelt, das Reich der Nibelungen, wird als Bergwerksstollen auf die Bühne gebracht. Dorthin sind Wotan und Loge laut Texteinblendung durch einen „Schwefelspalt“ gelangt, hier aber dadurch, dass sie sich mühsam unter einen der Salontische zwängen – nun ja. Dafür springt beim Orchesterdonner das Holzpaneel des Salons krachend auf – schönes Erschrecken! Das gibt es noch einmal und wieder kongenial zur Musik, als unter Blechgetöse Gesteinsbrocken von der Decke fallen – dort bricht die Tatze des Drachen durch, in den sich Alberich verwandelte, es ist aber auch ein Schlagwetter, wir sind ja in einem Kohlebergwerk. Schweißglänzende Hauer, „der Nibelungen mächtiges Heer“, schieben zur stampfenden Musik mühsam Loren herein, die Bühne glüht rot, Alberich wütet jetzt als Einpeitscher herum – für mich wird „Das Rheingold“ hier überzeugend in Szene gesetzt. Die Loren sind bis über den Rand mit dampfendem Koks beladen, er stellt sich später, da ist er erkaltet, als Gold heraus – Kohle, das Gold des Ruhrgebiets! Das ist eine weitere feinsinnige Anspielung auf die beiden Aufführungsorte, fand ich klasse. – Der Schlussakt (4. Bild) spielt wieder im Salon, der jetzt um eine Lore mit Goldbrocken bereichert ist. Die haben Wotan und Loge dem Alberich abgeluchst, und nun wird der Streit blutig, die Inszenierung gewinnt an Dramatik. Mit seinem Schwert haut Wotan dem Alberich die Hand mit dem „maßlose Macht“ verleihenden Goldring ab, man sieht das blutige Gewebe baumeln und bei Fasolt einen gräsigen Armstumpf – schön scheußlich. Von der prophetischen Erdmutter Erda – sie kommt und verschwindet durch einen der Salontische! – gewarnt: „Ein düsterer Tag dämmert den Göttern!“, tritt Wotan den Riesen den fatalen Ring ab, und alsbald erschlägt Fafner seinen Bruder im Streit um das Gold. – Zuletzt machen sich Wotan und Fricka auf gen Walhalla, dazu erscheint im Bühnenhintergrund „die glänzende Burg in prächtiger Glut“ als goldene Projektion – ein schönes Schlussbild. – Was mich an dieser Aufführung aber ganz und gar begeisterte: Es wurde in allen Partien glänzend gesungen, dazu auch noch hervorragend agiert, allen voran von Michael Kraus als Alberich. Die Musik war ein Genuss für sich. Unter dem Bayreuth erfahrenen Axel Kober brachten die Düsys „Das Rheingold“ prächtig zu Gehör, vom zartesten Geigenflirren über süße Flötentöne und wohllautende Hörner bis zu donnernden Trommeln und berstenden Beckenklängen, vom romantischem Schwingen bis zum rhythmischen Stampfen – Wagner pur. Wunderbar.

Weitere Informationen zu „Das Rheingold“

Gisela Miller-Kipp
Emeritierte Professorin für Allgemeine und Historische Pädagogik
„Die sinnliche Erfahrung von Oper und Ballett öffnet einen immer wieder neu“, sagt die emeritierte Professorin, die schon mit 14 Jahren ihre erste Vorstellung besuchte. Was sie sieht, vergleicht sie mit ihren persönlichen Kulturerlebnissen aus vielen Jahrzehnten und ist beglückt darüber, dass sich dabei immer wieder neue Sichtweisen erschließen. Sie engagiert sich in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und wird im Goethe-Museum und im Museum Kunstpalast auf ihre Erlebnisse als Opern- und Ballettscout angesprochen.

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