Uwe Schwäch über „Young Moves“

Inspirierende Ballettmosaiken

Der letzte Ballettabend in dieser Spielzeit bietet vielseitige, bunte und sehr inspirierende Ballettmosaiken. Die sechs Uraufführungen vermitteln sich insgesamt sehr unterschiedlich, jedes Stück verfügt über einen eigenständigen Charakter und setzt unverwechselbare Akzente. Alle gemeinsam verfügen sie über eine spürbare Intensität, die von der Bühne ins Publikum getragen wird. Dazu trägt sicher bei, dass die Choreografien von Tänzerinnen und Tänzern aus der Kompanie stammen. Dies führt zu einer gegenseitigen Befruchtung, die sowohl in der tänzerischen Qualität als auch in der mentalen Aussteuerung erlebbar wird.
„No Destination“ von Wun Sze Chan wird durch den experimentellen Charakter des Stückes geprägt. Das Bühnenbild verändert sich fortlaufend durch ein Live-Painting, das auf die Bühnenrückwand projeziert wird. Sphärische, stellenweise sehr dissonante Klangkörper ersetzen eine musikalische Begleitung. Der Tanz ist archaisch, wild, kraftvoll und energetisch. Auch die Kostüme passen sich dem dynamisch-expressiven Auftritt an, wir sehen bei den Tänzerinnen viel Tüll, die Tänzer tragen halblange Gewänder. Sicher ein kreatives Tanzformat mit begrenzter Begeisterungsfähigkeit.
„Fourmis“ von Sonny Locsin entführt uns in die Welt der Ameisen. Der ständige Bewegungsfluss ist somit das zentrale charakteristische Merkmal. Im Verlauf des Stückes verändert sich diese Struktur in zunehmend statische Bewegungsmuster und es entstehen Figuren, die an Yoga erinnern. Trotz individueller Tanzbewegungen der sechs Protagonisten ist deren Harmonie spürbar.
„Andante Sostenuto“ von Boris Randzio bietet einen Tanztraum und vielleicht das klassischste Ballettstück dieses Abends. Hellblaue Kostüme in Organza, in das auch die Tänzer gehüllt sind, sowie kontemplative Klaviermusik von Schubert schaffen den Rahmen für eine verhältnismäßig leichte, anmutige Performance. Geprägt von einem hohen Maß an Intimität verschmelzen die sechs Tänzerinnen und Tänzer und bestechen durch ihr Einfühlungsvermögen.
„Edge of Reason“ von Chidozie Nzerem entführt den Zuschauer in einen Ort der Ekstase. Die temporeiche Bongo- und Trommelmusik entfacht eine dynamische und kraftvolle Entfaltung auf der Bühne. Die Tänzerinnen in Bustier-Badeanzüge kommen daher wie Amazonen und zeigen sich selbstbewusst und stark. Im zweiten Teil des Stückes sehen wir zwei Paare (w/m + m/m!) mit einem wilden, ekstatischen, aufgewühlten und auch erotischen Tanz, der die Zuschauer aus ihren Sitzen reißt. Man spürt Afrika und hat das Gefühl inmitten eines Urwaldes zu stehen. Für mich das Highlight dieses Abends.
„49“ von Se-Yeon Kim setzt auf ein Handlungsballett mit melancholischen Zügen. Tod, Abschied nehmen, Trauer, Fürsorge und Hoffnung werden einfühlsam offenbart. Zu Beginn mit einem filmischen Musikcharakter, erleben wir die Auferstehung zum Engel mit barocker Musik von J.S. Bach. Nirgendwo werden an diesem Abend menschliche Emotionen so nahe und anschaulich vermittelt wie in diesem Stück. Allerdings ist der Verlauf vorhersehbar und die Theatralik verdrängt das tänzerische Momentum.
„East Coasting“ von Michael Foster ist eine gesellschaftliche Sozialstudie und zeigt Szenen aus dem Amerika der 50er und 60er Jahre. Kostüme und Musik (die Trompeten sind unüberhörbar) sind in einen schwungvollen Tanz eingebettet und vermitteln oberflächliche Heiterkeit, die durch die gesamte Tanztruppe auf der Bühne vermittelt wird. Doch das Stück reflektiert auch psychologische Tiefen. So zieht sich ein Mann vor einer Frau aus und wird von dieser ausgelacht. Auch hier sehen wir über den Tanz eine gelungene Wiedergabe menschlicher Gefühle und sozialer Verhaltensmuster.
Bei diesem „Nachwuchs“ muss man sich über die glänzenden Perspektiven des Düsseldorfer Balletts keine Sorgen machen.

Uwe Schwäch
Kommunikationsberater und Lehrbeauftragter
Der Kommunikationsberater, Fachautor und Lehrbeauftragte an der Hochschule Fresenius ist leidenschaftlicher Fan der Oper, und seine Begeisterung wirkt ansteckend: Regelmäßig stiftet er Freunde und Bekannte zum gemeinsamen Kulturbesuch an. Gerne tauscht er sich nach jedem Premierenbesuch mit den anderen Opernscouts aus, was die Erfahrungen der Opernbesuche noch anregender macht.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s