Hilli Hassemer über die Premiere von b.29

Ballett am Rhein – b.29: „Konzert für Orchester“ von Martin Schläpfer. FOTO: Gert Weigelt

Ein wunderbares Wechselbad

Meine erste Premiere als Opern- und Ballettscout umfasst drei Stücke, die unterschiedlicher nicht sein könnten und den Zuschauer von Welt zu Welt katapultieren.
George Balanchine hat die „Mozartiana“ mit spürbarer Verehrung auf seine Muse, die junge und schöne Tänzerin Anna Farrel, zugeschnitten. Diese Choreographie war eines seiner letzten Werke. Es geht mir sofort unter die Haut, wenn aus dem Orchestergraben die ersten Klänge Mozarts „Ave verum“ die Tänzerin Feline van Dijken in Bewegung setzen. Sie ist umringt von vier jungen Mädchen, die wie jüngere Versionen von ihr selbst scheinen. Wie die geometrischen Figuren eines Kaleidoskopes wirken diese Körper vor dem strahlend blauen Hintergrund. Man kann bei dieser Symmetrie der in warmes Licht getauchten Körper auch an den „Tanz“ von Matisse denken. Im Wechselspiel bewegen sich die beiden männlichen Protagonisten auf die Bühne, Alexandre Simões als dunkler Gegenpart und Marcos Menha als van Dijkens Pas de deux Partner. Dieses Stück in seiner klassischen Strenge ist von einer Melancholie durchwirkt. Vielleicht, weil die Tänzer in ihren klassischen Figuren gefangen scheinen, vielleicht, weil in der Musik Tschaikowskys trotz heiterer Motive eine Traurigkeit mitschwingt. Vielleicht aber auch weil man den großen Balanchine vor den Augen hat, seine Vergänglichkeit als Mensch, dessen Werk jedoch weiterlebt indem es wieder aufgeführt wird. Es ist eine Freude und Wonne, die Perfektion der Tanzenden und ein eindrucksvolles Stück Tanzgeschichte zu erleben.
Martin Schläpfers Choreographie zu Witold Lutosławskis „Konzert für Orchester“ beginnt mit Stille. Sie dauert länger, als man auszuhalten glaubt. Auf dem blauen Hintergrund des vormaligen Stückes schwebt nun ein undefinierbares Wesen, ein schleierhaftes Gebilde, zwischen Kopf und Körper. Auch die vormals weich fallenden schwarzen Vorhänge sind gerafft, in stürzende Bahnen gezerrt und scheinen die Tänzer am Boden zu bedrohen. Schon jetzt spürt man den großen Sprung durch Zeit und Raum, fühlt sich an unheilvolle Science Fiction Szenen erinnert. Dann setzt die Musik ein und ein wahrer Rausch aus Musik und Tanz versetzt mich als Zuschauer in Atemlosigkeit. Fast alle Tänzer der Company sind auf der Bühne – schnell, kraftvoll und unglaublich ausdrucksstark zu furios klingender Musik. Sie scheinen zu flüchten, gegeneinander zu kämpfen, sich dann wieder zu schützen. Man fürchtet um die Tänzer, fürchtet mit Ihnen vor der unsichtbaren Bedrohung. Man fürchtet sich vor Ihnen, wenn sie wie ferngesteuert aufs Publikum zutanzen. Kaum ein Moment des Ausruhens, weder für die Tänzer noch für das Publikum. Marlúcia do Amaral wirkt noch kleiner wenn sie vor dem großen Marcos Menha steht, der sie zu beschützen und gleichzeitig zu bedrohen scheint. Am Ende setzt ein gleißendes Licht von oben alle in helle Silhouetten. Männer und Frauen formieren sich schutzsuchend zu einem Knäuel und es stockt einem noch einmal der Atem: und dann kommen sie, diese rückwärts laufenden Vierbeiner, die irgendetwas mit dem bedrohlichen Wesen auf dem Bühnenbild zu tun haben müssen. Ein ungewisses Ende. Sehr zeitgemäß. Sehr erschütternd und großartig. Dieses Stück wird mich am längsten verfolgen. Man muss das gesehen haben.
„The Concert“ von Jerome Robbins, dem letzten Stück am Abend gelingt es, den Zuschauer aus seiner Spannung zu erlösen. Zwar denke ich im ersten Moment, – als der Pianist Matan Porat den Staub vom Klavier pustet, – dass ich nach dem vorangegangenen keinen Spaß ertrage,-  aber dann packen mich die Tänzer in ihrer wunderbaren Komik. In ihrem großen tänzerischen Können. Uns allen, die wir da sitzen, wird ein Spiegel vorgehalten (nur, dass wir nicht so gut tanzen können). Die Tänzerinnen und Tänzer der Company persiflieren uns als Publikum und gleichzeitig nehmen sie sich selbst aufs Korn, Marlúcia do Amaral vertanzt sich so hinreißend, dass man nie wieder Perfektion erleben möchte.

Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcore-Wagner-Fan“ befreundet, wurde das Opernhaus unverhofft zum Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

 

 

 

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