Katrin Gehlen über die Premiere von b.29

Ballett am Rhein – b.29: „Konzert für Orchester“ von Martin Schläpfer FOTO: Gert Weigelt

Es war ein phantastischer Abend

Auch einen Tag später bin ich zutiefst beeindruckt und sehr bewegt. Mein absoluter Favorit des Abends ist die grandiose Symbiose zwischen Musik, Tanz und Bühne mit der Choreographie von Martin Schläpfer. Es ist ein Erlebnis mit anzusehen, welch hervorragendes Zusammenspiel er in all den Jahren mit seinem Ensemble entwickelt hat. Jede Bewegung perfekt, mit dem Ausdruck völliger Leichtigkeit und absoluter Körperbeherrschung umgesetzt. Ich ahne, wie schwer das sein muss, genauso wie die absolut reglose Haltung mehrerer Tänzerinnen zu Beginn des Stückes in einer Ecke der Bühne. Andere wiederum bewegen sich schwerfällig, zäh und wie in Zeitlupe mit unglaublicher Anstrengung sich am Boden windend, ganz ohne musikalische Untermalung. Mir selbst als Betrachter bleibt für einige Minuten fast der Atem stehen, bei einer solch spannungsgeladenen Atmosphäre auf der Bühne, wie auch unter uns im Publikum. Martin Schläpfer schafft es von Beginn an eine fassungslose Spannung aufzubauen, ich traute mich kaum, mich zu bewegen. Dann fällt der Blick auf das Bühnenbild mit seinen ungewöhnlich scharfen Ecken und Kanten, ein vergrößerter Tropfen an der rückwärtigen Wand, der zäh herunter zu tropfen scheint. Kostüme, die sich genau der Stimmung der Bühne anpassen, kühl und etwas düster gehalten, wie auch das Licht. Jedes Kleidungsstück für sich modern und durchaus vorstellbar auf dem Laufsteg unseres Lebens. Schläpfers Frage, wie sich der Mensch wohl verhält, wenn seine Welt in Schieflage gerät, ist überaus aktuell und gesellschaftskritisch. Immer wieder bilden sich Gruppen und vereinzelte Tänzer bleiben gefühlt auf der Strecke, erleben Verbannung und man ist doch vermeintlich nur in der Gruppe sicher. Es wird gekämpft bis zur Resignation, wobei die Tänzer und Tänzerinnen fast wie scheintot über die Bühne wanken. Doch dann blitzt wieder so etwas wie Hoffnung auf, ein neuer Kampf beginnt. Wie im wirklichen Leben. All der Wahnsinn, Befreiung und Ausgrenzung, Verlust und Trauer, Motivation und Erschöpfung, alles ausartend in einen unendlichen Kampf. Das gesamte Stück zeigt eine außergewöhnliche Leidenschaft und Dynamik und hat mich zutiefst berührt. Es bringt einen sich selbst näher, den eigenen Ängsten. Es gibt mir ein Gefühl des Lebendig-Seins. Es macht mich wieder achtsamer und bewusster für das Geschenk des Lebens. Ich liebe diese Momente. Und wenn mir kreative Menschen eine solche Freude machen, indem sie ihr ganzes Können und all die Mühe auf sich nehmen, mir solche Momente zu ermöglichen, ist das einfach phantastisch und macht mich sehr dankbar.
Jetzt aber noch zu den beiden anderen Darbietungen, die ja auch noch Erwähnung verdienen. Beim ersten Stück von George Balanchine dachte ich durchaus schon, ach, wie schön, klassisches Ballett, schöne Musik und passende Kostüme, genau das, was man sich doch unter Ballett vorgestellt hat und immer wieder eine Freude ist. Beachtung findet hier auch der herausragende Spitzentanz. Für mich absolut sehenswert. Auch das 3. Stück von Jerome Robbins, was ja schon gedacht nicht mehr der Höhepunkt des Abends werden konnte, hatte seine eigene unglaubliche Berechtigung. Amüsant und erfrischend war die Darstellung typischer Publikumsfiguren, ironisch und selbstkritisch die Eigenheit der Menschen an sich. Alles in allem erinnerte das Stück tatsächlich an ein Musical und hatte dementsprechende Szenen. Manche der Tänzerinnen übernahmen die ihr zugeteilten Paraderollen mit viel Charme und Humor. Die Menschen um mich herum, wie auch ich selbst, haben viel gelacht, was ich wunderbar finde und was den Abend insgesamt perfekt abgerundet hat. Welch ein Glück, das alles erlebt haben zu dürfen!

Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

 

 

 

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