Katrin Gehlen über die Premiere von „Wozzeck“

Wozzeck_17_FOTO_Karl_ForsterOper will nicht immer schön sein. Nein, dieses Stück hat mir gezeigt, dass Oper, wie alle anderen Kunstrichtungen auch, in erster Linie berühren will. Und auf welche Art und Weise ist nicht festgelegt. Die im Wozzeck gestellte Frage der Zurechnungsfähigkeit schwirrt dem Betrachter im Kopf herum, bis er nicht mehr weiß, wer eigentlich schuldig ist, wer gerichtet werden sollte. Ein jeder ist auf einmal für all seine skrupellosen und anormalen Handlungen angeklagt, so dass die Hauptfigur Wozzeck fast normal erscheint. Die Gesellschaft als Irrenhaus. Ort des Geschehens die Todeszelle. Als Betrachter baue ich eine fast verständnisvolle Beziehung zur Hauptfigur auf. Die Tat, die er begeht wird verständlich, auch wenn sie gegen alles Menschliche zu sein scheint. Aber vielleicht genau deshalb gerade so menschlich wird. Wieviel Schmerz und Leid kann ein Mensch ertragen? Handlung, Bühnenbild und Musik sind fantastisch aufeinander aufgebaut. Meine Befürchtung, die atonale Musik Alban Bergs als irritierend und schwierig zu bewerten, erfüllt sich in keinem Moment. Ich vergesse stellenweise die Musik, sie schmiegt sich absolut perfekt in das große Ganze ein. Fassungslos stellt sich mir am Ende des Stücks die Frage, wie die allesamt hervorragenden Opernsänger nach dieser Darstellung einfach wieder in Ihr eigenes Leben zurückfinden. Mir wird bewusst, dass es eine außerordentliche Leistung ist, sich mit so etwas abgrundtiefen vor einem be- und verurteilenden Publikum zu zeigen. Für mich eine überzeugende Inszenierung, die mich aufgewühlt zurück lässt.

Opernscouts 2017Katrin Gehlen
Modedesignerin
Katrin Gehlen ist als Modedesignerin spezialisiert auf individuelle Maßanfertigungen. Menschen, die wie sie selbst künstlerisch tätig sind, lädt sie in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit ihrem Mann zum Kreativtreff „Rheingold“ ein. Dann wird das eigene Haus zu einem inspirierenden Kunstsalon. Mit ihrem besonderen Interesse am Ballett freut sie sich jetzt auf die Auseinandersetzung mit den Aufführungen im Opernhaus.

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