Georg Hess über die Premiere von „Wozzeck“

Wozzeck_13_FOTO_Karl_ForsterWoyzeck oder Wozzeck

In der Regel bereite ich mich auf einen Opernabend vor, indem ich mir zumindest auf Wikipedia oder über andere Quellen die Handlung des anstehenden Stücks anlese um während der Vorstellung zum Einen den Wiedereinstieg zu finden, wenn ich mal den Faden verlieren sollte, oder aber auch um die eine oder andere Spielsequenz inhaltlich besser deuten zu können. Diesmal war ich in der Vorbereitung der Oper Wozzeck von Alban Berg jedoch nachlässig, was sich rächen sollte. Denn es ist unerläßlich die Umstände zu kennen, die sich aus dem von Georg Büchner aufgrund tatsächlicher Begebenheiten festgehaltenen Sozialdrama um den arbeitslosen Soldaten und Perückenmacher Johann Christian Woyzeck (richtig! Büchners Hauptdarsteller hieß Woyzeck und Alban Bergs Opernfigur Wozzeck) ergeben. Dieser tötete nach zahlreichen Demütigungen seine Geliebte und wurde schließlich nach einem jahrelangen Gerichtsprozess um seine Zurechnungsfähigkeit öffentlich hingerichtet. Nur mit dem Wissen der damaligen Abläufe begreift der Opernbesucher den Sinnzusammenhang der vielfach übertrieben und absurd dargestellten Szenen in der aktuellen Inszenierung  von Stefan Herheim. Die vorgetragene Oper spielt nicht authentisch im 19. Jahrhundert, sondern wurde von Herheim in die aktuelle Neuzeit verlagert, in die USA nach Texas, wo die Todesstrafe derzeit noch praktiziert wird. Dem Zuschauer eröffnet sich, als die Bühne freigegeben wird, ein klinischer Raum in dem die Hinrichtung des Protagonisten vollzogen werden soll. Pünktlich, als die zentral installierte Uhr auf  7 geht, wird die Todesspritze gesetzt. In der Folge durchlebt Wozzeck im Wahn seines Sterbens, über die volle 90minütige Spielzeit der Oper, die verschiedenden Stationen und die zahlreichen Personen, welche letztendlich zu seiner Verzweiflungstat und Verurteilung geführt haben, mit all seinen kraftvollen Gefühlszuständen erneut.
Konnte ich der Anfangssequenz noch einiges abgewinnen, so offenbarten sich mir in der Folge leider zu selten die Aussagen des Spielgeschehens. Die atonal vorgetragene Musik der Düsseldorfer Symphoniker und das sehr spezielle Libretto verstärkten an diesem Abend mein Unbehagen, wenngleich es mir in den Folgetagen durch nachträgliches Belesen gelungen ist die gesehenen Bilder besser einzuordnen. An den exzellenten Darstellern, vorneweg Bo Skovhus als Wozzeck und Camilla Nylund als Marie, hat es sicherlich nicht gelegen, dass diese Oper mit ihren vielen verwinkelten sozialkritischen Ansätzen nicht zu meinen persönlichen Favoriten  gehört. Gut möglich, dass ich mir jedoch bei nächster Gelegenheit Woyzeck im Theater, wo der Schwerpunkt auf dem Schauspiel und nicht dem Gesang liegt, ansehen werde um der Figur näher zu kommen.

Opernscouts 2017

Georg Hess
Notarfachreferent
Als „aufgeschlossenen Opernneuling“ beschreibt sich Georg Hess, der in Düsseldorf lebt und hier als Notarfachreferent arbeitet. Als Opern- und Ballettscout möchte der tiefer in die Materie einsteigen, sich von den Stücken fangen lassen und seine Eindrücke anschließend an Freunde, Kollegen und die Leser unseres Blogs weitergeben. Die Premiere von b.26 war der erste Ballettabend, den er live auf einer Bühne erlebte und ihm deutlich gezeigt hat, welch unterschiedliche Stimmungslagen Ballett erzeugen kann.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s