Wonnige Glut, leuchtender Glanz

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Siegfried FOTO: Hans Jörg Michel

Hilli Hassemer über die Premiere von „Siegfried“

Als wir vor dem Opernhaus die letzten Sonnenstrahlen dieses warmen Frühsommerabends genießen, erscheint auf einem klapprigen Rad ein seltsam verhüllter Mensch. Ein Bettler? Ein Irrer? Düster und unheimlich mutet er an. Wirft erste Schatten, die wir alle noch nicht zu deuten wissen. Ich vergesse ihn wieder. Mein erster SIEGFRIED steht an. Kaum hebt sich der Vorhang, bin ich im Geschehen. Verblasst das Sommerhelle draußen. Dritter Tag, Ring des Nibelungen.

1. Aufzug. In der metallisch durchgefärbten Schmiede, es könnte auch das Labor eines Alchimisten sein, erleben wir von der ersten Minute an das grandiose und auch komische Können des Cornel Frey als Mime. Durchtrieben, unruhig, gehetzt und verschlagen, seine fahrigen, windigen Bewegungen „das eklige Nicken und Augenzwinkern“ sind großes Spiel bis ins Detail. Er begeistert mich hellauf in seinem differenzierten Ausdruck, seiner Stimme.
Michael Weinius debütiert als Siegfried – er erscheint stimmgewaltig, auch körperlich als Gegenspieler, und auch er gewinnt mich auf Anhieb mit seinem warmen klaren kraftvollen Tenor. Weinius als Siegfried, ungestümer, furchtlos Suchender, er ist in meinen Augen eine großartige Besetzung dieser Rolle.
Dann erscheint diese mystische Gestalt von draußen wieder und es ist: Wotan! Der verschleierte Wanderer auf dem Fahrrad. Eine gelungene und sinnige Überraschung. Simon Neal füllt den Wanderer grandios aus und zeichnet gekonnt die Figur des Göttervaters in Nöten.

2. Aufzug. Alberich tritt auf. Auch seine Figur reiht sich in die bestechend gute Darstellung, mit volltönender Stimme geleitet er uns in den nächsten Akt. Der Lindwurm Fafner in Gestalt einer Dampflok,- ein gelungener Nebeneffekt: Ihr eiserner Hohlkörper lässt den Bass Thorsten Grümbels unheimlich hallen. Mir erscheint diese Transformation des Monsters als durchaus logische Umsetzung, las ich, dass Wagner selbst ein großer Fan der Mechanisierung war und seine damaligen Regieanweisungen das technisch Mögliche oft überforderten. Man muss den Blick etwas heben, um den kleinen spazierenden Vogel zu erkennen,- die junge Elena Sancho Pereg als Waldvogel bezwitschert Siegfried betörend und hell. Siegfrieds innerer Dialog, als er über seine nie gekannten Eltern singend sinniert, so fragil und verzweifelt, diese Szene geht mir zu Herzen, und sie wird mir der emotionale Höhepunkt dieser Aufführung.

3. Aufzug. Trotz der fraglos wunderbaren Linda Watson als Brünnhilde und des großen Siegfrieds, er erscheint mir als der deutlich schwächster Part dieser Inszenierung. Schon der Beginn des Aufzuges, der sich vor dem Vorhang abspielt ist unglücklich. Wotan weckt und befragt Erda, die unter einem Tuch auf einem Sofa schlummert. – Inhaltlich eine große Szene, sie wird aber im wahrsten Sinne an den Rand des Geschehens gedrängt. Es mangelt an Raum für die bedeutenden Worte, den Gesang der Erde. Der Hubschrauber auf der Bühne (wir kennen ihn ja bereits aus der „Walküre“) – er wirkt an den Rotoren herbeigezogen. Er ist hier ein störendes anachronistisches Relikt, für mich völlig fehl in dieser Szene. Um ihn herum spielt sich dann, leider auch etwas ungelenk, die Szene der Wiedererweckung Brünnhildes ab. Die Zerrissenheit der Walküre, ihr überaus zögerliches Einwilligen in die Liebe zu Siegfried – eigentlich eine emotional und körperlich höchst spannungsgeladene Szene. Sie war mir zu hölzern und nicht feinsinnig im Spiel zwischen den Beiden, die Sänger waren einfach nicht im Kontakt miteinander. Da ginge mehr.

Alles in allem: Große herausragende Stimmen in perfektem Einklang zu den tosend guten Symphonikern, die alles – Alles! – geben in diesen sicher kraftzehrenden vier Stunden. „Wonnige Glut, leuchtender Glanz!“ Standing Ovations.

Opernscouts 2017

Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

 

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Ein Gedanke zu “Wonnige Glut, leuchtender Glanz

  1. Corinna Neiser 10. April 2018 / 08:00

    Habe den Kommentar sehr gern gelesenen. Es springt der Funke und macht sogar mir,als bekennender Nicht-Opernfan Lust mich mehr darauf einzulassen.
    Keine abgehobene Kritik eines professionellen Kritikers,sondern eine sympathische,gut beschreibende Stimme, die meine Neugierde weckt.

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