„Ignore. Ignore all possible concepts and possibilities. Ignore Beethoven and Bach. Ignore the Damnation of Faust. Ignore. Just make it, Babe.“

b.35. Ballett am Rhein Düsseldorf/DuisburgEnvironment ch.: Ben J. Riepe
b.35 Environment – Ben J. Riepe FOTO: Gert Weigelt

Hilli Hassemer über die Premiere von „b.35“

…klingt eine Stimme aus dem Off. Welch ein befreiender Appell, an uns, an die Tänzer! Die Company  fegt in großer Besetzung in den nächsten 30 Minuten furios über die Bühne. Musikstücke aller Genres wechseln collagenhaft einander ab. Szene für Szene evoziert in mir Assoziationen über das Menschsein in allen Nuancen. Frech und frisch wirken Tanz und die oft sehr ungewöhnlichen Bewegungsabläufe. In einer Passage schreitet die Primaballerina in einem geschmeidigen aber physikalisch schier unmöglichen Wackelgang ihre eigenen Wege und ich frage mich, wie Hüftegelenke das durchhalten können? Sie konnten! Zwei Männer tanzen fast liebevoll um,- und miteinander, ein Pas de Deux, welches zu erleben, eine große Freude ist. Manche Tänzer treten gefährlich nah an den Orchestergraben und lupfen Shirt oder die Hose. Sie zeigen uns ihre leeren Händen, geben einen kurzen Blick frei auf ihre Rippen, auf ihr Hinterteil. „Sie zeigen ihre wunden Stellen“, muss ich denken. Mir gefällt, wie ironisch, rasant und schräg, immer wieder mit Blickkontakt zum Publikum getanzt wird. Wie präsent jeder einzelne der Tänzer/innen wirkt. Intensiver und frecher Auftakt, die Choreografie des DECADANCE von Ohad Naharin.

Mit Knall und Rauch, geht es weiter in der Uraufführung ENVIRONMENT von Ben J. Riepe. Ein junger Mann in Frack und Zylinder schreitet durch das Geschehen und spricht fortwährend Gedankengänge und Texte. Schlagworte wie Lifestream, Bewusstsein, Linearität,-  in meinen Ohren wirkt dieser Sprachstrom etwas störend, ja anachronistisch zu dieser eigenwilligen Performance der Tänzer. Riepe nutzt in vollen Zügen die Bühnenvorhänge, die Schicht um Schicht fallend, neue Bilder oder auch nur Strukturtapeten zeigen und den Raum zum Publikum hin langsam verkleinern. Das christliche Abendmahl da Vincis wird ebenso zitiert wie Kaspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“. Die in bunt gemusterte Ganzkörpersuits gehüllten Tänzer scheinen durch diese Stoffbandagen weder sehen noch atmen zu können. So tanzen in einer Szene drei von Karo-Glencheck überzogenen Tänzer vor einer ähnlich gemusterten Wand und verschmelzen fast darin, ein Mimikryeffekt vom feinsten. Dazwischen immer wieder der fabulierende Zylindermann und irgendwann wird klar, er ist der sehr verlorene Wanderer überm Nebelmeer. Wenig Tanz, sehr theatralisch und bildgewaltig, das war für mich eine sehr mutige und gelungene Integration von Performativer Kunst in diesem Ballettabend.

„DAS ABENDLIED“ als letztes Stück beruhigt, wie so oft, die aufgewühlten Gemüter. Schuberts Trio Nr.2 Es-Dur für Klavier, Violine und Violoncello wunderbar gespielt von Alina Bercu, Franziska Früh und Nikolaus Trieb. Klassisches Ballett, zart und transparent schweben die Tänzer und werden fast organisch zur Musik. Wäre da nicht… ein Tanzender fällt auf, er kommt nicht so recht ins Geschehen, – immer wieder versucht er in den Flow der Truppe einzutauchen, um dann doch erlahmt seine Flügel hängen zu lassen. Auch das Gros der Tänzer versucht ihn immer wieder mit sich zu reißen, ihn in die geschlossene Bewegung zu integrieren. Vergebens. Irgendwann sitzt er nur noch am Bühnenrand und lässt die Vorstellung vor seinen Augen geschehen. Träumt er etwa diesen Tanz, ist dies alles ein Hirngespinst seines entspannten Bewusstseins? Die Frage tanzt im Raum. Der Trancezustand des einsamen Nichttänzers überträgt sich auch auf mich als Betrachter. Ein schönes Abendlied.

Opernscouts 2017

Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin
Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Damals noch fremd in der Stadt und mit einem „Hardcorde-Wagnerfan“ befreundet, wurde die Oper unverhofft Dreh- und Angelpunkt ihres neuen Lebens. Jetzt will sie sich wieder intensiver mit Oper und Ballett befassen – genau hinschauen, zuhören, das Erlebte beschreiben. Sie sagt: „Es ist schön, wenn man sich selbst und seiner Meinung vertraut.“

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