So neu, so schön, so gut verständlich

b.36 Ballett am Rhein Düsseldorf DuisburgSCHWANENSEE ch.: Martin Schläpfer
„b.36 – Schwanensee“ FOTO: Gert Weigelt

Isabel Fedrizzi über die Premiere von Martin Schläpfers „Schwanensee“

Märchen werden so lang lebendig bleiben, wie es Erzähler gibt. Und wenn der Erzähler wie in diesem Fall der aktuellen Premiere des „Schwanensee“-Balletts in Duisburg Martin Schläpfer heißt und die vermeintlich altbekannte und vertraute „Schwanengeschichte“ so neu, so schön, so gut verständlich und so berührend erzählt, sollte es auch immer Zuhörer/Zuschauer geben. Die Fassungen und Varianten des Schwanensee  dürften zahllos sein und wirklich Jedermann bewahrt doch vor seinem inneren Auge die Bilder romantischer weißer Schwäne mit wippendem Tutu. Um zu erleben, wie ein Schwanensee im Jahr 2018 ohne aufwendige Staffage „funktionieren“ kann, einfach als getanzt-erzählte Geschichte, ist der Besuch dieses faszinierenden, überraschenden, fesselnden und bewegenden Abends ein Muss!

Es hat 36 Ballette lang (b.36) gedauert, bis sich der in seinem Denken und Choreografieren der Jetztzeit verhaftete Choreograph Martin Schläpfer dieses „alten“ Märchens angenommen und als Ergebnis dieses packende Tanz-Kunstwerk in Form eines Handlungsballetts auf die Bühne gebracht hat. Gespickt mit Symbolen beim Bühnenbild und den Kostümen (goldene Bilderrahmen für das adelige Ambiente, Hosenträger und Westen für das Volk, Farbspiel mit Weiß und Schwarz für Gut und Böse, Stein und Wolken für die freie Natur, Säulen für den Tanzsaal) kommen eben diese Symbole alle modernisiert zum Einsatz (stilisierte, eckige Säulen, leere Bilderrahmen, vor denen der Tanz selbst zum „Bild“ wird, schlicht-schöne weiße Kleider und Kostüme, die dem Handlungsfluss untergeordnet sind). Überraschend sind Schläpfers Momente der Stille im 2 Akt – ohne Musik, nur Tanz, manchmal in Zeitlupe: Ein Effekt, der den Fokus wieder ganz aufs Weitererzählen richtet und Raum fürs Auge lässt, fürs Detail und das Sammeln der Konzentration. Dieses Wort beschreibt diesen Abend treffend: die Handlung ist konzentriert, gekürzt,  der Musik hier nicht untergeordnet, sondern gleichberechtigt erzählt. Die Musik wurde durch ein paar Striche konzentriert auf die Teile, die die Geschichte vorantreiben, das Bühnenbild reduziert sich auf wesentliche Versatzstücke, das Licht konzentriert sich auf das Notwendige (obwohl auch im Schatten manchmal Wichtiges geschieht). Vor der Konzentration der Akteure – also  der tänzerischen Leistung und dem schauspielerischen und körperlichen Ausdruck, der „sprechender“ nicht hätte sein können, kann man nur niederknien.

Diese geballte Konzentration springt aufs Publikum über, bündelt unmerklich die Aufmerksamkeit und hält die Spannung hoch – bis zum schmerzvollen Ende, bei dem sie sich in Form von Emotionen und echtem Mitfühlen mit den Charakteren entlädt. Sicher ist es diese in jedem Detail hohe Qualität und durchdachte Konsequenz der Choreographie und Inszenierung, die am Ende generationenübergreifend für Ovationen gesorgt hat. Man verlässt den Saal bewegt, begeistert und nimmt diese faszinierende Gefühlswelt mit nach Hause. Größtes Lob: so fesselnd muss ein Ballett heute erst einmal gelingen… Unbedingt ansehen und sich verzaubern lassen!

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_Brill


Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

 

 

 

 

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