Ein Fest für alle Sinne!

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„Petruschka“ FOTO: Hans Jörg Michel

Isabel Fedrizzi über die Premiere von ,,Petruschka/L’Enfant Et Les Sortilèges“

Als „Opernabend“ angekündigt und doch keine Sänger auf der Bühne (Petruschka), schrill-bunte Bilder, die ein eher schräges Spektakel auf der Bühne verheißen und dazu wenig geläufige Musik von Strawinsky und Ravel… meine Erwartungshaltung an diesen Abend war gering. Ich wurde auf der ganzen Linie positiv überrascht von der bildgewaltigen emotionalen und physischen Qualität dessen, was dieser Abend geboten hat: ein Fest für alle Sinne!

In Strawinskys Kurzoper Petruschka liegt ein Schwerpunkt auf der fantastischen cineastischen Arbeit der Gruppe „1927“, die den Zuschauer allein schon mit ihren starken Bildern in eine Zauberwelt entführen: Die Geschichte eines verliebten Clowns in den Fängen eines bösen Gauklers auf einem lebendig-lustigen Jahrmarkt – viel Material für schöne und lustige Stimmungen, doch mal unterschwellig, mal sehr plakativ durchsetzt mit Zügen des Bösen. Das zweite Standbein des Abends sind die drei beeindruckenden Artisten (Clown, Artistin und Kraftprotz). Sie interagieren mit den Bildern des Films auf der riesigen Leinwand so akkurat, dass Bild und Körper verschmilzen, man einen 3-D-Effekt erlebt. Dabei ist der mimische und physische Ausdruck der drei Artisten großartig: man (er)lebt ihr Schicksal geradezu mit. Dazu als drittes Standbein Strawinskys kapriziöse und gleichzeitig diabolische Musik… man ist schlichtweg hingerissen.

Ravels Musik hingegen erfüllt gar nicht die Erwartungshaltung, die man an die sonst so romantischen, melodisch-poetischen Klänge des Franzosen hat. Hier bleibt die musikalische Idee einfach, schlicht, nicht neu und mit vielen Wiederholungen. Allerdings tritt hier die wenig inspirierende Musik in den Hintergrund der umso bild- und märchenhafter erzählten Geschichte. Inhaltlich ist das Geschehen um das unartige und böse Mädchen, das durch unerklärliche, magische oder zauberhafte Vorgänge am Ende geläutert hervorgeht, vom erhobenen Zeigefinger begleitet und scheint kaum bühnentauglich. Gerade deshalb ist es faszinierend, was „1927“ filmisch daraus gemacht hat und wie geschickt und kunstvoll die Sänger in die Bildwelt aus engem Kinderzimmer, Naturschauplätzen, Tier- und Unterwelt sowie chinesische Phantasiewelt eingewoben werden. Wieder ist das präzise und unscheinbare Verschmelzen von Akteuren und Bildern so packend: Türen und Löcher in der Leinwand, aus denen gesungen wird, Hilfsmittel, die vor die Leinwand geschoben oder von oben heruntergehängt werden und für einen Moment Teil der Geschichte werden. „1927“ versteht es, das Publikum restlos in Bann zu ziehen und man taucht vollends ein in diese zauberhafte, fantastische Bildwelt – das ist Oper ganz anders, ganz neu, aber es bleibt im wörtlichen Sinn eine Oper: ein WERK. Und dieses hier MUSS man gesehen haben!

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Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

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