Alles Lügner!

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Benedikt Stahl über die Premiere von Richard Wagners „Götterdämmerung“

Die Oper vor der Oper beginnt zuhause mit Musik von Grace Jones. Die düsteren Rhythmen der androgynen Popkönigin stimmen ungeahnt auf die abendlichen Klangwelten ein, die bis ins Mark gehen werden und beleben den Gedanken an Wagner als einem der Wegbereiter moderner Musik.

Die Oper in der Oper beginnt mit getuntem Publikum aus allen Schichten auf der Heinrich-Heine-Allee und reicht bis ins erste Bühnenbild mit monumentalem Rheinromantik-Gemälde und drei altbacken gekleideten Nornen auf blöden Plastikstühlen. Eine Szene, die wenig dabei hilft, in dieser Geschichte anzukommen. Erst als ich die Augen schließe und das Kauderwelsch der Schicksalsfrauen ausblende, gelingt das Eintauchen in die Abgründe des sich ankündigenden Dramas. Was dann folgt, ist mit zwei Worten, die mir die geliebte Begleiterin später zuraunt, schnell beschrieben: „Alles Lügner!“ Stimmt, aber wie sie lügen, sich gegenseitig verraten, enttäuschen oder umbringen: das mitzuerleben ist grandios!

Der Held des Abends ist Hagen, mit spürbarer Lust am verführerisch Bösen, leidenschaftlich und tiefgründig gesungen und gespielt von Hans-Peter König. Der sagenhafte Siegfried, brillant dargestellt von Michael Weinius, wird als Einfaltspinsel entmystifiziert. Heldin der Sage ist Brünnhilde. Ihre Rolle als Liebende, Betrogene und schließlich als alles entscheidende Figur, die den unglücksbringenden Ring den Fluten des Rheins überlässt übernimmt Linda Watson. Auf wunderbare Weise gelingt es ihr, sowohl die verletzte Seele wie auch die Urkraft ihres Glaubens an Liebe und Gerechtigkeit in aller Präsenz auf die Bühne zu bringen.

Durchgehend allererste Klasse: musikalische Leitung und Orchester, Riesenapplaus!
Das Bühnenbild lebt vor allem vom schrottreifen Schubleichter, der Szenen auf mehreren Ebenen ermöglicht. Ansonsten lohnt es sich, wie zum Beispiel beim Auftritt des Chors als verschmutzte Düsseldorfer Karnevalsgesellschaft, ab und zu einfach die Augen zu schließen (s.o.) und das Ganze von Innen heraus zu hören.

Die Oper nach der Oper spielt nachts in den Träumen und am nächsten Tag klangvoll weiter. Sie nochmal zu sehen, könnte ich mir gut vorstellen, vielleicht dann im Dämmerlicht, den Göttern zuliebe.

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit: Wie Bild, Musik und Darstellung hier zusammen wirken, fasziniert ihn. Als interdisziplinär denkender Grenzgänger ist er auch an der Alanus Hochschule Bonn-Alfter tätig: Was  Architektur mit Schauspiel, Wirtschaft mit Kunst zu hat – diese Fragestellungen interessieren ihn auch in der Lehre. Nicht nur die Oberfläche, sondern die spannenden Zusammenhänge will er nun als Scout für Oper und Ballett entdecken.

 

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