Versöhnung mit den Dämonen

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Benedikt Stahl über die Premiere von „b.37“

Liegt es an meiner Müdigkeit am Ende einer arbeitsreichen Woche, am kerzengerade sitzenden Vordermann, oder sind es eigene innere Widerstände, die nicht zulassen wollen, was anderen mit Leichtigkeit gelingt?
Das Schwärmen der Ballettfreunde über die Schönheit der Uraufführungen von b.37 kann ich an diesem Abend nicht richtig teilen. Dabei ist das, was sich da rechts und links neben dem Kopf vor mir abspielt, ohne Zweifel sagenhaft gut inszeniert. Durch den Nebel meiner Verschlossenheit dringen Bilder, die an bewegende, scharf ausgeleuchtete Malereien von Caravaggio erinnern. Klangwelten sind zu hören, die in den Raum hinter dem Gesehenen entführen wollen. Der spannungsreiche Dialog zwischen Tänzern und Musik, Licht und Schatten, Bewegung und Innehalten ist reich an tiefgehenden Szenen. Jeder Versuch aber, mich einfach darauf einzulassen, bleibt mehr oder weniger erfolglos.
Erst im Nachspüren dieser Begegnung finde ich den Zugang, der mir während der Aufführungen versagt blieb. Hilfreiche Unterstützung bekomme ich dabei aus dem kleinen, wundervoll gemachten Begleitheft. Während ich darin lese und die schönen Fotos betrachte, steigt das Erlebte langsam und mit Bildgewalt zurück an die Oberfläche. Vor allem die Schlussszene des zweiten Stücks „The way ever lasting“ von Natalia Horecna ist noch einmal ganz nah.

Anne da Paço beschreibt das so ausgesprochen treffend und schön, dass ich mir erlaube, sie hier mit einem Auszug zu zitieren: „In fließenden, leuchtenden Bewegungen erzählen mehrere Pas de deux von innerer Freiheit, Ruhe, Schönheit und einem Aufgehobensein im Miteinander. Es kommt zu einem idealen Gleichklang aller Kräfte und Gegenkräfte, einem Zustand der Balance, in dem sich die Utopie einer bedigungslosen Liebe entfalten kann.“
Dazu höre ich eine Aufnahme von Glenn Gould mit dem Klavierkonzert Nr.3 von Johann Sebastian Bach, versöhne mich mit den inneren Dämonen meines verdrehten Abends, und freue mich auf die nächste Vorstellung.

Stahl_Benedikt_Foto2_Andreas_EndermannBenedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit: Wie Bild, Musik und Darstellung hier zusammen wirken, fasziniert ihn. Als interdisziplinär denkender Grenzgänger ist er auch an der Alanus Hochschule Bonn-Alfter tätig: Was  Architektur mit Schauspiel, Wirtschaft mit Kunst zu hat – diese Fragestellungen interessieren ihn auch in der Lehre. Nicht nur die Oberfläche, sondern die spannenden Zusammenhänge will er nun als Scout für Oper und Ballett entdecken:

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