Sehr sehens- und hörenswert!

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von Richard Wagners „Siegfried“

Wagners Siegfried ist ein Männerstück: 5:2 das Verhältnis Männer zu Frauen, und die zwei Damenpartien spielen im Rahmen der Opernlänge von fünf Stunden eine eher untergeordnete Rolle. Die Hauptfigur Siegfried und sein Ziehvater Mime bestreiten die ersten knapp eineinhalb Stunden (den ersten der drei Akte) größtenteils im Alleingang, die Dialoge sind geprägt von Verachtung, Missgunst und Hass, die Szenerie ist die kalte Welt der Schmiedewerkstatt mit Metall, Eisen und Stahl… Doch dank großartiger schauspielerischer Leistungen vor allem des Zwergs Mime, aber auch Siegfrieds (und zuletzt auch des Wanderers) ist es nicht einen Moment langweilig, man taucht ein in diese rohe Welt der Nibelungen, in der es um Stärke, Siegen, Überleben geht. In dieser gelungenen Inszenierung Dietrich Hilsdorfs spielt der erste lange Teil in Mimes „rümpeliger“ Werkstatt, deren spröder, düsterer und unaufgeräumter Anblick beinahe wie ein Spiegelbild des Inneren des verbittert-bösen und rachedurstigen Schmieds selbst wirkt. Die Bühne (Dieter Richter) wie auch die Kostüme (Renate Schmitzer) in ihren ausschließlich schlammig-erdigen Farbtönen stimmen zusätzlich ein in die Seelenzustände der sich verachtenden und streitenden Charaktere des ungeliebten Stiefkinds Siegfried und dem ihm verhassten Ziehvater Mime. Duisburgs Siegfried Corby Welch, der sich morgens trotz Halsschmerzen für den Auftritt und gegen die Absage der Premiere entschied, war stimmlich deutlich eingeschränkt und sollte nicht in die Bewertung eingehen. Mime und Fafner sowie auch der Wanderer und Alberich präsentierten solide und gute Stimmen – es wären beide stellenweise besser zur Geltung gekommen, wenn das Orchester weniger voluminös geklungen hätte. Doch das ist ein akustisches Problem und wird -abhängig vom Sitzplatz- sehr unterschiedlich wahrgenommen. Denn zu laut waren sie eigentlich nicht, die Duisburger Philharmoniker, denen unter dem dynamischen und leidenschaftlichen Dirigat von Axel Kober größtes Lob gebührt für einen ausdrucksstarken und zugleich transparenten Wagner, der bis in die einzelnen Instrumentengruppen differenziert war: eine wache und homogene Orchesterleistung.

Das Bühnenbild im zweiten Teil wirkt in seiner totalen Reduktion auf eine schlicht grüne Wand mit einer einzigen Tür als schlichter Gegenpol zur realistischen Werkstattwelt Mimes. Als Treffpunkt für das offene Gespräch Wotans mit der Urmutter Erda wirkt es karg, etwas banal. Doch trotz oder vielleicht wegen der statischen Szene verfolgt man umso gebannter die Dialoge und das geladene Zweigespräch. Diese gespannte Aufmerksamkeit kann die Inszenierung insgesamt lang aufrecht erhalten – erst gegen Ende des dritten Teils, wenn sich Siegfried und Brünnhilde umturteln und zieren und so gar nicht zu ihrer Liebe finden können, spürt man dann doch die epische Breite des theatralischen Dramas… Brünnhilde mit ihrem  durchdringenden Timbre kann man  gleichermaßen überzeugend finden oder ablehnen. Für mich überwog eine klar gezeichnete Stimmführung, die gute Diktion.

Als kleinen „musikalischen“ Störfaktor habe ich das „Begleiten“ der Orchesterpartitur mit den Hammerschlägen auf das Schwert Nothung empfunden – die Idee an sich wirkte gut, für einige wenige Takte oder bestimmte Passagen auch effektvoll, hier aber zu lang und zu dominant ausgekostet. Im positiven Sinn effektvoll ist die monströse Dampfmaschinen-Lokomotive alias Drache Fafner, deren Macht und Dominanz   Siegfried mit einem gezielten Stich in den „Dampfkessel“ zunichte macht… überhaupt mangelte es nicht an guten dramaturgischen Einfällen. Würde ich diesen Siegfried also empfehlen? Ja! Er ist sehr sehens- und hörenswert.

Fedrizzi_Isabel_FOTO_Tanja_BrillIsabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Als Scout für Oper und Ballett möchte sie ihre Zuschauererfahrungen erweitern und intensivieren.

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