Und über allem flog der Fliegenpilz

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Hilli Hassemer und Benedikt Stahl in einem Dialog über die Premiere von Anno Schreiers „Schade, dass sie eine Hure war“

Operncollage

BS: Ja, liebe Hilli, das war ein Opernabend, was? Ganz ungewöhnlich. Zunächst der etwas verdrehte Titel, dann ein bisschen Vorabstudium der Zusammenhänge. Das alte Libretto von John Ford, einem Zeitgenossen Shakespeares, der mit seiner Geschichte der unmöglichen Geschwisterliebe ein noch viel älteres Thema erzählt und dann der noch sehr junge Komponist Anno Schreier, der jetzt und soviel ich weiß im Auftrag der Oper, dieses lebendige Spiel ersonnen hat. Beinahe karnevalistische Züge hatte das mitunter, eine Art Collage aus unterschiedlichen Zeitepochen und Stilen. Das zieht sich durch, vom Bühnenbild über die Kostüme bis hin zu den Musikzitaten, von denen man immer mal wieder meint, das ein oder andere längst zu kennen.

Am meisten fasziniert mich das subtile Spiel mit Innen und Aussen. Besonders die Bühne. Der Blick hinter die Kulissen der aufgeklappten Häuserfassaden und damit zugleich der Einblick in menschliche Abgründe, die im Normalfall durch Mauern und Vorhänge geschützt sind. Die äußeren Erscheinungen trügen, Giftiges verbirgt sich selbst noch hinter den fröhlichsten Kostümen und Farben. Ein Spiel aus Gegensätzen, ein Stück Stadt mit all ihren Schönheiten und Brüchen, die das Leben bereit hält. Wie hat’s Dir denn gefallen?

HH: Mir war ja etwas bang vor der Musik. Ich dachte mir, solch ein junger und begabter Komponist wird sicher sehr radikal meine doch gängigen Hörgewohnheiten ins Hadern bringen.. Das tat er auch, aber eben anders als erwartet. Was er gebrochen hat, war eine altvertraute Stringenz. Auf immer wieder kehrenden Themen, wie man sie aus anderen älteren Opern kennt, verzichtet er. Doch ging mir die Musik ein, ich konnte ihren Sprüngen folgen, war sie in ihren Zitaten und Brüchen, Versatzstücken sehr lebensnah und voller Humor. Der Anno Schreier hat ins Volle gegriffen, in jeder Hinsicht. Mir ging es wie Dir, Benedikt, dass mich die Bühne sehr erfreut hat. Eine Bühne? Eigentlich waren es viele und jedes Paar hatte seine eigene Bühne, wie im Leben! Jeder hatte sein Motiv, seinen Hintergrund: der Westenwagen, die historische Kulisse Parmas, der Fliegenpilzbalkon oder dieser kühle Bauhaus-Flachbau aus einem amerikanischen Filmset herausgebrochen. Und das dann alles ineinander verschachtelt, auf der nach hinten offenen Bühne der Düsseldorfer Oper. Man konnte ihr so richtig in die Eingeweiden kucken. Wie Du sagst: In die Abgründe. Der Bühne und der Menschen.  Und über allem flog der Fliegenpilz.

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Hilli Hassemer
Bildende Künstlerin

Die Malerin Hilli Hassemer lebt und arbeitet seit 20 Jahren in Düsseldorf. Klassische und auch Opernmusik sind elementare Einflüsse in ihrer Arbeit. Das erste Jahr als Opernscout hat sie mit heller Freude erlebt. Die Vielfalt und Qualität der Düsseldorfer Opern und Ballettkultur zu erleben, war für sie eine neu prägende Seh- und Hörschule. Eine Sinn-schärfende Bereicherung, die sie nicht mehr missen möchte. So freut sie sich auf die zweite Spielzeit, auf die neuen Ballett und Opernwelten, die sich ihr eröffnen werden und für die sie Worte finden muss. Der Bleistift ist gespitzt….

Stahl_Benedikt_Foto2_Andreas_EndermannBenedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit: Wie Bild, Musik und Darstellung hier zusammen wirken, fasziniert ihn. Als interdisziplinär denkender Grenzgänger ist er auch an der Alanus Hochschule Bonn-Alfter tätig: Was  Architektur mit Schauspiel, Wirtschaft mit Kunst zu hat – diese Fragestellungen interessieren ihn auch in der Lehre. Nicht nur die Oberfläche, sondern die spannenden Zusammenhänge will er nun als Scout für Oper und Ballett entdecken.

 

 

 

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