Less is more!

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Benedikt Stahl über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Zwei Liebende in Badekleidung stürzen sich lustvoll umarmend von einem Sprungbrett und werden im Moment des Absprungs von der Fotografin Tatyana Druz für immer dort festgehalten. Dieses Foto mit dem Titel „The point of no return“ entdecke ich am Abend der Premiere von Roméo und Juliette auf den ersten Seiten des schönen Begleitheftes und bin immer noch ergriffen von dessen Ausdruckskraft, die Shakespeares Drama nahezu in einem Bild erzählt. Weniger überzeugt bin ich von den Bildern der Oper selbst. Der Kunstfelsen mitsamt Madonna erinnert eher an die Grotte von Lourdes als an eine italienische Piazza und der zappelnde, rauchende Chor braucht diese Übertreibung ebenso wenig, wie Juliette ihre Akrobatikeinlagen auf dem Stuhlstapel.

Nach der Pause wird die Bühne stärker. Der Lichterhimmel hat sich auf den Boden gesenkt und Roméo und Juliette kommen ihrem tragischen Ende mit jedem ihrer hinreißenden Duette unaufhörlich näher. Auch wenn ihre Liebe zueinander kaum sichtbar wird, so dringt ihre Liebessehnsucht wie auch die damit verbundene Verzweiflung, ihr Schmerz, mit jedem Ton bis tief ins Innerste. Das ist Oper pur!

Das Ganze ist lebendig, experimentierfreudig und vor allem als Musiktheater mehr als sehenswert. Aber am Ende frage ich mich, ob diese Inszenierung nicht einfach nur zu viel auf einmal will. Das Drama, die große Erzählung, das Neue, das Andere, das Besondere, das Ausprobieren, die Zeitcollage, das Glitzern, Farbenrausch, Lichtbilder, Herzklopfen… Lauter aneinandergereihte Übertreibungen, die alle etwas sagen wollen und doch unter der gesammelten Ideenfülle leiden. Warum eigentlich? Wo das, was wesentlich ist, schon mit nur einem Bild gesagt werden kann? Less is more!

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Benedikt Stahl
Architekt und Professor an der Alanus Hochschule

Als selbständiger Architekt und Partner im Düsseldorfer Atelier Fritschi & Stahl hat Benedikt Stahl eine große Nähe zur Kunst: Was macht Stadtraum, was macht die Choreographie, die Dramatik der Räume aus? Zur Oper ist es da nicht weit: Wie Bild, Musik und Darstellung hier zusammen wirken, fasziniert ihn. Als interdisziplinär denkender Grenzgänger ist er auch an der Alanus Hochschule Bonn-Alfter tätig: Was  Architektur mit Schauspiel, Wirtschaft mit Kunst zu hat – diese Fragestellungen interessieren ihn auch in der Lehre. Nicht nur die Oberfläche, sondern die spannenden Zusammenhänge will er nun als Scout für Oper und Ballett entdecken.

 

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