Bewegend, klug und zeitgemäß inszenierte Oper

Isabel Fedrizzi über die Premiere von „Pique Dame“

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Tschaikowskys Oper „Pique Dame“ erlebte ihre Uraufführung im  Dezember 1890 in St. Petersburg. Die Geschichte beruht auf der gleichnamigen Novelle von Alexander Puschkin, in der schonungslose Charakterstudien und Gesellschaftskritik vor dem Hintergrund einer Welt aufeinandertreffen, in der sich Traum, Mystik und Realität miteinander vermischen. In Duisburg feierte jetzt die von Lydia Steier bewegend, klug und zeitgemäß inszenierte Oper ihre Premiere. Was die drei Stunden auf der Bühne  vordergründig schon so beeindruckend macht, ist die üppige Ausstattung: mehrere aufwendige Bühnenbilder (mit Pool, schwenkbarer Brücke, Bühne etc.), geradezu verschwenderische Kostüme von Rokoko-Pracht bis zum Petticoatstil der 50er Jahre, ein großes Ensemble auf der Bühne (Sänger, Opernchöre und Kinderchor) und eine ganze Sammlung von Requisiten.

All diese Staffage ist nur Blendwerk und Zeugnis von Oberflächlichkeit und menschlicher Leere, denn in ihr spielt sich die eigentliche Tragödie ab: um unechte Liebe, krankhafte Spielleidenschaft, Gier und Neid sowie Lug und Trug. Ein Stoff, zu dem Peter Tschaikowsky erst durch die Libretto-Fassung seines Bruders Modest einen Zugang fand. Tatsächlich ist auch hier und heute der Zugang zu dieser etwas verworrenen Oper ein wenig mühevoll – aber am Ende sehr lohnend. Manch ein dramaturgischer Fingerzeig oder inszeniertes Gedankenkonstrukt mag sich beim einmaligen Sehen nicht gleich erschließen, aber immer ist Tschaikowskys Musik der akustische Helfer, um die verschiedenen zeitlichen und inhaltlichen Ebenen des Stoffes eben nicht restlos verstehen zu wollen, sondern in ihrer Abfolge auf sich wirken zu lassen. Meist zeichnet sie innere Seelenzustände nach, Hermanns Gier und Falschheit, Lisas Ängste, Polinas Hohn und Spott usw; ein wenig fühlt man sich wie ein Zeuge einer opulenten Soap…

Sergej Khomov  gab einen meisterlichen Hermann ab: mit psychologischem Tiefgang, innerlich zerrissen und stimmlich ausbalanciert. Natalya Muradymova verkörperte wunderbar eine wenig selbstbewusste, beeinflussbare und später gebrochene Lisa – mit glanzvoller Stimme. Die Gräfin umwehte so gar nichts Geheimnisvolles, verschroben vielleicht und etwas weltfremd, aber auch hier eine stimmliche Bestbesetzung.

Die Duisburger Philharmoniker machen die Hälfte dieses ganzen Panoramas aus: Heiterkeit in den Chören, manchmal ein sanfter Mozart-Ton, eine ausgewogene Tempowahl und fein phrasierte Linien. Kein ganz leichter Einstieg in die Welt der Oper, aber unbedingt wert, sie anzusehen!

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

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