Eine Facettenreiche Inszenierung

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Annette Hausmann über die Premiere von „Pique Dame“

Wer es als Opernliebhaber bunt, schrill, opulent und zugleich skurril-tiefgründig mag, der ist in der Operninszenierung „Pique Dame“ von Lydia Steier genau richtig. In Anlehnung an Tschaikowskys Idee, der als Grenzgänger seiner Zeit die Oper 1890 komponierte, aber diese in der glorifizierten Zarenzeit des 18. Jahrhunderts spielen lässt, verlegt Lydia Steier ihre Inszenierung in das für uns scheinbar präsente Hollywood der 50er Jahre. Gleich zu Beginn eröffnet sich dem Zuschauer ein Bühnenbild, das all unseren heutigen Vorurteilen und Vorstellungen von der damaligen party- und schauspielbegeisterten Hollywoodgesellschaft standhält.
Die opulente Bühnenkulisse und die vielen aufwändig sowie bunt kostümierten Statisten und Sänger waren für mich anfänglich eine absolute Reizüberflutung, sodass ich einige Zeit benötigte, mich auf dieses russische „Opernspektakel“ einzulassen.

Durch die gezielte Präsenz der drei Protagonisten – Lisa, die alte Gräfin („Pique Dame“) und Hermann – gelang es Lydia Steier auf geniale Weise, der dekadenten Gesellschaft nur so viel (Spiel-)Raum wie nötig zu geben, wodurch die Handlung nicht ins Lächerliche „abdriftete“. Nachhaltig beeindruckt haben mich die russische Gastsängerin Natalia Muradymova als Lisa und Sergej Khomov als Hermann. Beide spielten ihre Außenseiterrolle nicht nur überzeugend, sondern vollbrachten auch gesanglich meisterhafte Leistungen. Lisa, anfänglich die unsichere, unglückliche, unselbstbewusste und eher unattraktive Enkelin der alten Gräfin entwickelte sich im Verlauf der Oper zu einer ausdrucks- und willensstarken Frau, die eine Art Metaebene betritt und als einzige den unaufhaltsamen, dramatischen Verlauf der Dinge realistisch erkennt. Sergej Kkomov, der zurecht als Charaktertenor bezeichnet wird, nahm „sein“ Publikum als linkischer Held im „Woody-Allen-Look“ regelrecht mit auf (s)eine Verwandlungsreise. Als einfacher Offizier stürzt er sich aufgrund seines Verlangens nach Geld, Anerkennung und einer Liebe, die für ihn unerreichbar zu sein scheint, ins Verderben. Anfänglich schleichend, doch zeitgleich mit dem Tod der Gräfin und der ins Spiel kommenden magischen drei Gewinnkarten werde ich plötzlich als Zuschauer mit einer unbändigen Wucht Teil seiner Zerrissenheit, seines zunehmenden Wahnsinns und der daraus erwachsenden Psychose. Durch die facettenreiche Inszenierung und die genial gestaltete Bühnenkulisse von Bärbl Hohmann ist eine exakte Trennung zwischen Realität und Hermanns Halluzinationen zeitweise kaum möglich. Besonders eindrucksvoll fand ich nach der Pause die Hebebrücke in Verbindung mit einem eher finster gestalteten und Kälte verströmenden Bühnenbild. Während die Brücke den Übergang vom Leben zum Tod, von der  Realität zum Wahnsinn und von der Liebe zur Einsamkeit symbolisierte, diente der gesamte Bühnenraum auf recht skurrile Weise einerseits der aufstrebenden, aber dem Glücksspiel verfallenen Gesellschaft, andererseits den Todesszenen als Schauplatz.

Passender hätte Tschaikowsky seine Musik zur Handlung der Oper, in der seine eigene gesellschaftliche Zerrissenheit und sein Hang zum Rokoko zum Tragen kommen, nicht komponieren können. Unter der Leitung des Dirigenten Aziz Shokhakimov gelang den Duisburger Philharmonikern und den Sängern die Umsetzung dieser Vielschichtigkeit auf wunderbare Weise.

Mein Fazit: „Pique Dame!“ ist eine äußerst sehenswerte, kurzweilige Oper, die voller Esprit und Überraschungen steckt.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

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