Eine musikalische Anästhesie

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Markus Wendel über „Samson et Dalila“

Die vergangene Freundeskreispremiere von Saint-Saëns Oper „Samson et Dalila“ beginnt meinerseits mit leichter Irritation. Weite Teile der Zuschauerreihen sind unbesetzt, für eine Düsseldorfer Premiere ist das ungewöhnlich. Ich bin verwundert, denn musikalisch ist die Oper wirklich schön, mit großen Choranteilen und einer Arie die wahrscheinlich fast jeder schon einmal gehört hat. Im Vorfeld zur Aufführung habe ich die Oper zweimal komplett gehört und auch die öffentliche Probe ein paar Tage vor der Premiere besucht.

Bereits mit den ersten Takten zieht GMD Axel Kober mit seinem präzisen und zugleich sehr wohlklingenden Dirigat den größten Teil meiner Aufmerksamkeit auf die musikalische Seite dieses Liebesdramas, das ursprünglich als Oratorium komponiert wurde. Entsprechend ruhig ist die Oper und weitgehend ohne aufgeregte Momente.

Sängerisch hervorheben möchte ich Simon Neal in der Rolle des Oberpriesters. Stimmlich in Bestform und mit einer Spielfreude, die mir wirklich Spaß bereitet beim Zusehen. In Punkto Bühnenpräsenz und Rollenidentifikation ist er auf Augenhöhe mit seiner äußerst überzeugenden Wotan-Interpretation im aktuellen Düsseldorfer Ring. Dies gilt auch für seine gelungene Darstellung des Cardillac, die ich vor einigen Monaten in Gent sehen konnte.

Leider kann nach meinem Empfinden die neue Inszenierung dem musikalischen Part nur wenig Unterstützung zukommen lassen. Die Bilder sind für meinen Geschmack statisch und fad, die gesamte Umsetzung wirkt wenig ambitioniert. Aber auch dies ist sicherlich Geschmacksache. Während ich beispielsweise die aktuelle „Roméo et Juliette“-Produktion abgefeiert habe, wurde diese mitunter auch gänzlich anders wahrgenommen.

Im Ergebnis verbinden sich am heutigen Abend Szene und Musik zu einem Gemisch mit streckenweise stark narkotischer Wirkung. Erfreulicherweise ist die Anästhesie frei von Nebenwirkungen und ich beschließe den Abend mit freundlichem Applaus.

Jedem Musikliebhaber möchte ich diese Oper empfehlen. Gerne im Opernhaus in Düsseldorf. Und falls Sie es nicht schaffen, dann bei einem schönen Glas Rotwein im heimischen Wohnzimmer.

Markus_Wendel

Markus Wendel
Sachbearbeiter für Brand- und Katastrophenschutz

Markus Wendel ist schon seit langem Opernfan. Seine erste Begegnung mit Wagners „Götterdämmerung“ hatte er im Jahr 2003 im Düsseldorfer Opernhaus und war sehr begeistert.
Durch die vergangene Spielzeit als Opernscout haben sich sein „Horizont und Empfinden erweitert“. Überrascht war er davon, dass die Ballettinszenierungen 2018/19 ihn sogar mehr faszinierten als die Operninszenierungen.

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