La Bohème als Kammerspiel

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Isabel Fedrizzi über die Premiere von „La Bohème“

Eigentlich ist diese La Bohème ein Kammerspiel: das Geschehen spielt sich von Anfang bis Ende in einem Raum ab, es sind nur sieben Personen beteiligt und der thematische Schwerpunkt lässt sich (vielleicht etwas reduziert ausgedrückt) mit einem Wort umreißen: die LIEBE. Es sind verschiedene Facetten der Liebe, die in der Duisburger Bohème die Hauptrolle spielen: oberflächliche, einseitige, eifersüchtige, tief empfundene und enttäuschte Liebe… die sechs Hauptpersonen verzaubern durch eine riesengroße stimmliche Intensität kombiniert mit einer großartigen schauspielerischen Leistung. Alles wirkt echt, authentisch und ungekünstelt – dadurch fesseln die Figuren und ihr Schicksal wirkt aufrichtig anrührend. Das ist zu einem großen Teil der Verdienst der Sänger, deren Stimmen so wunderbar passend ausgewählt sind, dass die Besetzung nicht besser sein könnte. Den anderen Teil des Lobs verdient die Inszenierung des jungen  Philipp Westerbarkei: sein Kammerspiel im halbrunden, gekachelten Raum wirkt zu Beginn nüchtern und räumlich wie atmosphärisch begrenzt, so dass man einen Moment lang befremdet ist. Aber schnell und beinahe unmerklich wird die vermeintliche Leere im Lauf der ersten Szenen schon durch so intensives Spielen, packenden Gesang und aufmerksames Wahrnehmen-Wollen aller Details mit reichlich Atmosphäre und Stimmung gefüllt. Die einzige große Veränderung der Bühnensituation, bei der eine Marktszenerie im oberen hinteren Bühnenbereich sichtbar wird, ist dabei überraschend, sehr effektvoll und wirkt wie ein „Bild im Bild“. Diese, wie auch andere dramaturgische Feinheiten erschließen sich nicht immer sofort – das macht aber nichts, sind es doch gerade diese Eindrücke, die noch lange nachwirken und zum nachträglichen Rätseln und Heruminterpretieren einladen…

Die Duisburger Philharmoniker haben sich bei der Premiere mit Ruhm bekleckert: ein wunderbarer Orchesterklang, dicht und homogen und trotzdem bis in die einzelnen Instrumentengruppen hinein durchsichtig und klangschön. Nach einem recht voluminösen Einstieg ist das Orchester in musikalischer Hochform gewesen – Puccinis zeitlose, bewegende und schöne Musik war in besten Händen.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Isabel Fedrizzi
Musikjournalistin

Die studierte Musik- und Kommunikationswissenschaftlerin arbeitet „auf kleiner Flamme“ als Musikjournalistin, u. a. für den Düsseldorfer Verlag „Staccato“. Im Hauptberuf ist sie Mutter zweier schulpflichtiger Töchter, in ihrer Freizeit begeistert sie sich für das Kulturangebot der Deutschen Oper am Rhein. Nach den Premieren schätzt sie die Gespräche mit den anderen Scouts, die den eigenen Blickwinkel erweitern.

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