Vielseitiger Ballettgenuss

Cellokonzertch:Martin Schläpfer
Cellokonzert ch:Martin Schläpfer

Sassa von Roehl über die Premiere von „b.41“

Beim Beginn des Ballettabends b.41 mit Jiří Kylián „Forgotten Land“ stimmte für meinen Geschmack alles. Mit dem Heulen des Windes, der ernsten Musik von Benjamin Brittens  „Sinfonia da Requiem“ und den entschlossenen Bewegungen der Tänzer wurde ich sofort in den Bann der eindrucksvollen Szenerie gezogen. Es ist eine düstere Stimmung, in der mich die klaren Bewegungen der Tanzpaare faszinieren. Ihre anmutigen Figuren werden durch die fließenden Stoffe in paarweise identischen Farben betont. Das sich passend zu Musik und Tanz ändernde Licht verstärkt den Eindruck von großen Gefühlen, wie Liebe, Schmerz und Vergänglichkeit. Wir können noch so sehr dagegen ankämpfen – am Ende sind wir machtlos dem immer gleichen Gesetz von Werden und Vergehen ausgeliefert.

Nach einer kurzen Pause geht es mit starken Frauen weiter: Martha Grahams Choreographie „Lamentation“, eindrucksvoll umgesetzt von Camille Andriot. Die Tänzerin vollführt in einem elastischen Stoffschlauch sitzend Bewegungen, die das Gefühl großer Klage und Verzweiflung auslösen. Ich fühle mich an die Skulptur „Mutter mit totem Sohn“ von Käthe Kollwitz in der neuen Wache Unter den Linden in Berlin erinnert, der zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Ein kurzes Stück, das unmittelbar unter die Haut geht und an das man sich durch seine Intensität lange, wenn nicht sogar für immer erinnern wird.

Ebenfalls von Martha Graham, der großen Revolutionärin des klassischen Balletts,  folgt „Steps in the Street“. Frauen, die sich sehr geometrisch, beinahe wie aufgezogen bewegen. Ihre weiße Haut in schwarzen Kleidern und vor schwarzem Hintergrund wirkt verletzlich. Die wie in einem militärischen Drill vollführten, harten Schritte und Armbewegungen stehen dazu im Gegensatz. Die spannungsgeladene Motorik löst bei mir die Assoziation zu Charlie Chaplins „Der große Diktator“ aus. Sicherlich beides eine Warnung vor dem Faschismus und damit ein Tanzstück, das nichts an Aktualität verloren hat.

Eine erneute Pause sorgt für eine mentale Trennung zum nächsten Stück, mit dem Martin Schläpfer seine Zeit in Düsseldorf beendet und nach Wien wechselt. Er hat sich dafür das 2.Cellokonzert von Schostakowitsch ausgesucht. Die Musik mutet sicherlich nicht umsonst spröde und unbequem an. Am Ende seines Lebens komponiert, zieht Schostakowitsch Resumée und nimmt Abschied, doch am Schluss fühlt man etwas Befriedetes, er akzeptiert sein Schicksal. Schläpfers Tanz dazu entzieht sich in weiten Teilen meiner Deutung. Immer, wenn ich meine, etwas interpretieren zu können, nimmt das Geschehen eine andere Wendung. Trotzdem erfreue ich mich an den herrlichen Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer, allen voran Marlúcia do Amaral, deren Ausdrucksstärke ich schon bei vielen Aufführungen bewundert habe. Schläpfer zeigt an diesem Abend noch einmal all sein vielfältiges Können und das seiner Compagnie. Das allein ist schon ein Genuss an sich, da braucht man gar keine andere Erzählung dahinter.

Sassa_von_Roehl

Dr. Sassa von Roehl
Social Campaining / Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität

Dr. Sassa von Roehl engagiert sich für Zivilcourage und berät Gemeinnützige Projekte im Bereich PR. Als kulturinteressierte besucht sie oft das Theater Duisburg. Sie ist großer Martin Schläpfer Fan, im Bereich Oper allerdings eher ein „interessierter Neuling“. Gespannt startet sie nun in ihre erste Spielzeit als Scout für Oper und Ballett in Düsseldorf.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s