Eine Fülle von Augen-und Ohrenreizen

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Dagmar Ohlwein über die Premiere von „Roméo et Juliette“

„Roméo et Juliette“ von Charles Gounod ist ein Meisterwerk der französischen Opernromantik.
Um Romantik und das Schwelgen in berührenden, leidenschaftlichen Gesangsszenen geht es Philipp Westerbarkai in dieser Inszenierung in erster Linie, meiner Einschätzung nach, nicht.
Wie schon in anderen Opernaufführungen gelingt es ihm „Roméo et Juliette“, diese dramatische Liebesgeschichte zunächst von William Shakespeare auf die Bühne gebracht, in hervorragender Weise so modern und zeitgemäß zu gestalten, dass dieser Opernabend einmal mehr spannend, nachdenkenswert und inspirierend für mich wurde.

Schon mit den Kostümen, die im Stil der 50er Jahre gestaltet sind, bietet sich dem Zuschauer ein buntes, aufregendes Bild auf einer nächtlichen Piazza von Verona.
Das Bühnenbild und der großartige Gesang des Chores der Deutschen Oper am Rhein lässt den Zuschauer eintauchen in eine heiße Sommernacht und in die Partygesellschaft der Familie Capulet.
Es ist Ferragosto, die Protagonisten, Juliette dargestellt von Sylvia Hamvasi und Gustavo de Gennaro als Roméo, der Sohn der verfeindeten Familie Montague, begegnen sich. Sowohl die Schauspielkunst als auch die gesangliche Leistung des Chores sind hervorragend.
Die Stimmen von Sylvia Hamvasi und auch Gustavo de Gennaro stechen für mich nicht besonders hervor.

Das Liebesdrama nimmt in bekannter Weise seinen Lauf.
Dabei wurde mein Blick mehr auf die einzelnen Darsteller gelenkt.
Da ist Juliette, die in meinen Augen um Freiheit, im weitesten Sinn Emanzipation kämpft.
Will Roméo vielleicht den Schmerz um eine verlorene Liebe mit einer neuen, der vermeintlich größten Liebe seines Lebens, Juliette, vergessen? Wie tief und innig die Liebe dieses weltberühmten Liebespaares während eines langen Lebens sich entwickelt hätte, bleibt für immer und ewig, typisch für solche Liebesdramen, offen.
Tybalt, der Cousin Juliettes, wird zum Mörder und durch Roméo zum Gemordeten.
Er bleibt auch als schon Getöteter präsent auf der Bühne. Sein durchgehender Auftritt als Gemordeter hat mich hin und wieder ein wenig irritiert .
Er, wie auch Mercutio, der ermordete Freund Roméos, und das berühmteste Liebespaar aller Zeiten sind Opfer einer hasserfüllten, blutigen Feindschaft zweier Familien.

Diese Tragödie hat Philipp Westerbarkei in großartiger Weise neu auf die Bühne gebracht. Applaus und große Anerkennung für die intensive Auseinandersetzung mit diesem Thema.
Anspielungen, Hinweise und Andeutungen zu Westerbarkais und vielleicht auch Gounods Gedanken zu dem Thema sind zahlreich in der Inszenierung zu finden: eine „instabile“ Stuhlkonstruktion auf der sich die Juliette häufig bewegt, die eventuell aufzeigen möchte, dass nichts im Leben stabil ist, wir uns immer auf unsicherem Grund bewegen.
„Je veux vivre“ singt sie in einer Arie, löst ihre bis dahin aufgesteckten Haare, entledigt sich ihrer Schuhe. Sie möchte raus aus ihren Familienzwängen, frei leben und entscheiden.

Ein Schauspiel/Ballettpaar, Maria Sauckel-Plock und Egor Reider, das in den Pausen zwischen dem 1. und 2., 2. und 3. Akt auftritt, soll vielleicht auf sehr subtile, feine Weise den Fokus auf die Befindlichkeiten zweier frisch verliebter Menschen richten. Eine Fülle von Augen-und Ohrenreizen.
Nicht unerwähnt möchte ich noch das phantastische Dirigat von Marie Jacquot lassen. Mein Fazit: Ein interessanter, belebender, erfrischender Opernabend.

Dagmar_Ohlwein

Dagmar Ohlwein
Rentnerin

Die Physiotherapeutin ist gerade im Ruhestand angekommen und widmet nun einen großen Teil ihrer Zeit der Kultur. Das heißt für sie regelmäßig diverse Kulturangebote warzunehmen. Als Jugendliche hat sie „direkt um die Ecke“ vom Theater Duisburg gelebt und so schon immer viel Kontakt zur Kunst gehabt. Sie ist sehr gespannt auf ihr erstes Jahr als Duisburger Opern- und Ballettscout und freut sich auf die Saison 2019/20.

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