Eine musikalisch-lyrische Zeitreise

Romeo_et_Juliette_03_FOTO_Hans_Jörg_Michel

Annette Hausmann über die Premiere von „Roméo et Juliette“

Mit dem ersten Auftakt der dramatischen Oper „Roméo et Juliette“, die Charles Gounod 1867 auf der Grundlage von Shakespeares gleichnamiger und weltbekannter Tragödie schuf, begebe ich mich auf eine musikalisch-lyrische Zeitreise quer durch Europa.
Als „Reiseführer“ hätte kein Geeigneterer als der Regisseur Philipp Westerbarkei ausgewählt werden können.
Tiefsinnig und mit der nötigen Portion Provokation ist ihm die Adaption seiner Operninszenierung in die heutige Zeit perfekt gelungen.

Der Vorhang hebt sich und gleich zu Beginn erwartet einen eine Bühnenkulisse, die wenig südländischen Flair „versprüht“ und nur mit viel Phantasie eine italienische Piazza erkennen lässt. Der Bühnenboden ist mit einer Folie überzogen, die Assoziationen von „Glanz und Gloria“, „Kälte und Glätte“ hervorruft und in der sich alle Bewegungshandlungen der Protagonisten widerspiegeln.
Am Ende der Bühne, auf der sich übereinander gestapelte Stühle befinden, ragt ein riesiger Felsen mit einer beleuchteten Madonna hervor.
Schnell wird dieser düster wirkende Bühnenraum durch die hervorragenden Stimmen und schauspielerischen Leistungen des Opernchors mit Leben und Volumen gefüllt.
In ihren bunten, glitzernden Kostümen verkörpern sie in Zeitlupe Macarena tanzend die vermeintlich lustige, ausgelassene Gesellschaft, die Capulet am Abend des Ferragostos anlässlich der bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter Juliette mit Pâris zur Party eingeladen hat.
Inmitten dieses Treibens treffen Roméo und Juliette aufeinander und ihr Schicksal durch die gesellschaftliche Vergiftung nimmt schleichend seinen Lauf. Ausdrucksstark wird dies sinnbildlich durch die rauchende und Juliette kreisförmig umschließende Gesellschaft dargestellt.
Juliette, gesungen von Sylvia Hamvasi, strahlt nur äußerlich durch ihr silberfarbenes Glitzerkleid; innerlich sträubt sie sich gegen die gesellschaftlichen Zwänge.
In ihren anspruchsvollen Arien singt sie von ihrer ersehnten Freiheit und ihrem Wunsch, träumen und leben zu dürfen (-„Je veux vivre dans le rêve, qui m’enivre…“).
Sie bricht regelrecht aus ihrer Rolle aus, steigt auf immer höher aufeinander gestapelte Stühle und verleiht auf diese Weise ihrem Bestreben, „frei zu sein wie ein Vogel, der zum Himmel fliegt“, noch mehr Ausdruckskraft.
Für Roméo, solide dargestellt und gesungen von Gustavo de Gennaro, scheint Juliette von Anfang an unerreichbar zu sein.

Im Verlauf der Inszenierung wird das Bühnenbild (Tatjana Ivschina) und die Lichttechnik (Volker Weinhart) zunehmend beeindruckender.
Die quadratisch angeordnete Beleuchtung wird abgesenkt und erscheint wie ein abgegrenztes Lichtermeer oder gar Lichterlabyrinth, in dem Roméo und Juliette im unruhigen Schein der „süßen Nacht der Liebe“ ihre innige Verbundenheit besingen und gleichzeitig ihrer „Gedankenflut“ freien Lauf lassen. Einfach genial!
Gleichzeitig wird die Bühne zum Kirchenraum, in dem die Hochzeitszeremonie stattfindet, zu der ein gewaltiges Orgelpräludium erklingt und der Chor einen weiteren starken Auftritt hat, der „unter die Haut“ geht.
Parallel zum tragischen Ende der Oper hebt sich langsam ein Bühnenelement, unter dem „love is a losing game“ zu lesen ist. Anfänglich irritiert es mich, doch es entspricht genau Westerbarkeis Fazit von einer sich selbst und andere vergiftenden Gesellschaft, in der das „individuelle Glück“ und das „Andersdenken“ nicht akzeptiert wird, sodass nur der Freitod der einzige Ausweg zur ersehnten Freiheit ist.

Mit „Roméo et Juliette“ schafft Westerbarkei eine großartige, vielschichtige und sehenswerte Oper.
Dabei besitzt er den Mut, das Rädchen der traditionellen Operntragödie zeitgemäß weiterzudrehen, sodass die Geschichte von „Romeo und Julia“ weiterhin unsterblich bleibt.

Duisburg, Opernscouts
© Norbert Prümen

Annette Hausmann
Grundschullehrerin

Annette Hausmann unterrichtet an einer Montessori-Grundschule in Duisburg-Bissingheim, die sie selbst mit aufgebaut hat. Ihre große Verbundenheit zum Theater hat sie ermuntert, am Projekt „erlebte Oper … erlebter Tanz“ teilzunehmen. Der Austausch zwischen den Opernscouts schaffe „eine andere Wahrnehmung von Oper und Ballett“. In ihrer ersten Spielzeit begeistert sie ganz besonders  Martin Schläpfers Ballett „Schwanensee“: „Mit seiner Kraft und Ausdrucksstärke war es eine der genialsten Vorstellungen meines Lebens“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s