The Art of Losing

Helma Kremer über die Premiere „Vissi d’arte“

Die Premiere von „Vissi d’arte – Eine Liebeserklärung an die Opernbühne“ ist für mich die erste Opern-Vorstellung seit Beginn der Corona-Pandemie. Ich bin gespannt, aber auch ein wenig ängstlich: Was wird mich erwarten? Wird es womöglich eher ein Abend, an dem einem (mal wieder) vor Augen geführt wird, dass nichts mehr ist, wie es war und man sich fragt, wann die Normalität wieder Einzug hält, auch in den Kulturbetrieb?

Erwartungsgemäß ist schon beim Eintritt ins Opernhaus alles anders: Die Besucher tragen Mundschutz und halten Abstand, man begrüßt sich mit einem Winken, statt mit Küsschen und natürlich gilt es auch hier, das unvermeidliche Kontaktformular auszufüllen. Die Anzahl, oder besser die „Unterzahl“ der Besucher im Zuschauerraum wirkt befremdlich, vor allem für eine Premiere. Sicherheitsbedingt ist der Raum gerade mal mit einem Viertel der Normalkapazität belegt, die Reihen vor und hinter mir sind leer, ebenso die Plätze links und rechts von mir. Aber dann geht’s los: „Vissi d’arte – eine Liebeserklärung an die Opernbühne!“ heißt diese Produktion, die während, oder besser gesagt, unter Corona, entstanden ist. Und sie scheint dem, unter COVID 19-Bedingungen, agierenden Opernbetrieb wirklich auf den (gequälten) Leib geschrieben. „Eine Liebeserklärung“ – allerdings… und was für eine!

Schon die Auswahl der Arien, Ouvertüren und Lieder bringt so viel von allem, was Opernliebhabern am Herzen liegt. Dieser Abend bietet künstlerisch nur das Beste, sowohl hinsichtlich der gesanglichen als auch hinsichtlich der schauspielerischen Leistungen. Meine persönliche Neuentdeckung ist Heidi Elisabeth Meier, die unter anderem in den Arien der Königin der Nacht  begeistert. Minimalismus ist hier ein adäquater Kunstgriff, um Sehnsucht zu erzeugen. Ouvertüren erklingen als Klavierlieder, die das Orchester umso schmerzlicher vermissen lassen. Ein Bruchteil des Chors erscheint – mit Mundschutz – auf der Bühne und summt die berühmte Arie „Lippen schweigen“ von Franz Léhar.

Diese Produktion, die in ihrer ganz eigentümlichen Kombination aus schonungsloser Ehrlichkeit und künstlerischen Schönheit einfach berühren muss, liefert EINE Antwort – womöglich auch DIE Antwort – auf die Frage „Wie geht man (in der Kunst) mit der Pandemie um?“

Die szenische Umsetzung der erzählten Geschichte(n) ist ebenfalls brillant. Schließlich heißt es „eine Liebeserklärung an die OpernBÜHNE“. Der Orchestergraben fährt hoch und wieder herunter, zuweilen ist er mit fünf oder sechs Musikern besetzt, ein anderes Mal ist er ganz verwaist. Ein Perspektivenwechsel ermöglicht dem Publikum den Blick von der Bühne aus in den ebenfalls verwaisten Zuschauerraum. Die Bühne selbst wirkt verwahrlost: Plastik-Müll fliegt herum und auch die Sänger und Sängerinnen sind mit Plastik abgedeckt wie Lebensmittel, die es gilt, frisch zu halten. Mitten in den Höhepunkt einer Arie platzen Bühnenarbeiter und fangen mit dem Abbau an. Die verängstigte Sängerin flüchtet sich in den Orchestergraben.

Das Stück liefert auch mir eine Antwort auf meine persönliche Befürchtung, den Opernalltag anlässlich des Besuchs einer Vorführung unter Corona-Bedingungen nur umso schmerzlicher zu vermissen: Dass Leid und Schmerz Kunst schaffen können, ist nichts Neues. Auch nicht, dass sich der Charakter in der Krise beweist. Aber hier wurde ein Gesamtkunstwerk erschaffen, ein „Phoenix aus der Asche“ par excellence. So schließt die Aufführung denn auch mit dem großen Finale „Des cendres de ton coeur…on est grand par l’amour“ aus „Hoffmanns Erzählungen“. Und als die Türen zu den hell erleuchteten Foyers aufgehen, und ich denke, die Vorstellung sei nun beendet, beschert sie mir dann noch den wundervollsten Opern-Moment ever…

Ich werde die Vorstellung ganz sicher noch ein zweites Mal besuchen; schon allein, um dieses Finale noch einmal erleben zu dürfen.

Helma_Kremer

Helma Kremer
Leiterin „Market Development“ bei der Düsseldorf Tourismus GmbH

Helma Kremer arbeitete nach ihrem Studium an der Heinrich-Heine-Universität zunächst an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Nach einem Volontariat im Bereich „Marketing/Presse“ beim Düsseldorfer Schauspielhaus übernahm sie 2006 den Bereich „Kulturmarketing“ bei der Düsseldorf Marketing und Tourismus GmbH. Und ist auch in ihrer jetzigen Position eine Kulturbotschafterin für die Landeshauptstadt Düsseldorf.

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