Faszinierende Details

Karolina Wais über die Premiere „Far and near are all around“

Das Opernhaus fasst laut hauseigener Internetseite 1.296 Zuschauer. Laut den Hygienemaßnahmen durften 460 Zuschauer in den Genuss einer Vorstellung kommen. Die Ballettpremiere am 15. Oktober 2020 ist ausverkauft, als die Verantwortlichen einen Tag vor der Vorstellung die weitere Auflage bekommen, dass bloß 250 Personen den Zuschauersaal betreten dürfen. Das ist eine Auslastung von bloß 20%. Nur 250 Personen dürfen sich Vorstellungen ansehen! Das ist ein so geringer Teil unserer Stadtbevölkerung und geht meiner Meinung nach in die falsche Richtung.

Umso mehr freut es mich, dass ich zu dem kleinen Teil der Bevölkerung gehören und Platz im Publikumssaal nehmen darf und das aus dem einfachen Grund, weil sich die Künstler und Mitarbeiter dazu entscheiden eine Vorstellung zwei Mal am gleichen Abend vorzuführen. Mein größter Dank an jeden Einzelnen der Beteiligten für deren Spontanität, Engagement und Leidenschaft. Sie tragen alle dazu bei, dass Kultur stattfinden kann, denn Kultur ist wichtig!

Das erste Stück SPECTRUM vom JUANJO ARQUÉS begeistert mich von der ersten Minute an. Das Bühnenbild ist minimalistisch, Rashaen Arts steht vor einer weißen Wand und tanzt in seiner Einsamkeit. Die bewegliche Wand wird von hinten beleuchtet. Nach einer Zeit taucht der Schatten einer Tänzerin auf, der sich mit Arts Tanz synchronisiert. Die Wände gehen hoch, die beiden treffen sich, kommen sich aber nicht zu nah. Es treffen andere TänzerInnen auf der Bühne ein, sie sind in farbige Kostüme gehüllt, gemeinsam ergeben sie das Spektrum eines Regenbogens, und jeder tanzt eine andere Art der Einsamkeit – die romantische, wütende, verzweifelte. Den Höhepunkt erlebt der Zuschauer, als ein Paar gemeinsam tanzt, denn sie berühren sich. Es hinterlässt in mir die Hoffnung, dass die Berührung langfristig nicht aus unserer Gesellschaft und Kultur weichen wird. Arqués widmet sich nach der „Suche nach Gemeinschaft in der Einsamkeit“. Das Stück ist eine der schönsten Suchen und bisher die schönste Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen, die ich gesehen habe. Das Streichquartett begleitet diese wundervoll und sorgt zusätzlich für eine großartige Pause zwischen den Stücken.

A SIMPLE PIECE von DEMIS VOLPI
Acht TänzerInnen stehen auf der Bühne, ihre Kostüme und die Musik von Carolina Shaw irritieren mich anfangs. Die Protagonisten haben leichte Blusen und durch ihren Stoff schwerwirkende Pluderhosen an. Ich stelle die Bewegungsfreiheit, die beim Tanz so wichtig ist, kurz in Frage. Das Musikstück ist ein achtstimmiges A-Capella-Werk.

Schnell merke ich aber wie die Bewegungen der Tänzer, durch die Kostüme unterstrichen gemeinsam mit dem Musikstück eine Gesamtheit bilden. Die Pluderhosen haben übergroßen Taschen aus denen bei jeder Bewegung rote Schnipsel, vielleicht Konfetti herausfallen.

Wie eine freudvolle Feier von großer Leichtigkeit, die uns in diesen Tagen derart abhandengekommen ist. Die Formation tanzt scheinbar die gleiche Choreografie, nach genauem Hinsehen fällt mir aber jeweils eine Person auf, die etwas anders macht. Jeder bekommt somit eine Einzelperformance in der Gesamtheit des Werks. Dadurch, dass die Geschlechterunterschiede durch die Kostüme wieder aufgehoben sind, wird die Gesamtheit der Formation noch mehr unterstützt. Ich kann mich richtig in die Bewegungen und in die Musik vertiefen, entdecke immer mehr faszinierende Details und finde das Stück schlicht und einfach raffiniert.

Karolina_Wais

Karolina Wais
Steuerfachangestellte bei Selas Wärmetechnik GmbH in Ratingen

Karolina Wais ist großer Schauspielfan und wagt sich mit Offenheit und großem Interesse an die Kunstform der Oper heran. Sie lässt sich gerne überraschen und geht deshalb als „unbeschriebenes Blatt“ in Inszenierungen und informiert sich erst im Nachhinein über die tatsächliche Handlung der Stücke.
Jetzt freut sie sich auf ihre zweite Spielzeit als Scout und darauf die Kunstformen Oper und Ballett weiter kennenzulernen.

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